Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Hingabe und

früher Tod

Der Dichter Percy Bysshe Shelley (1792–1822) starb zu früh, sein Gedicht „The Sunset“ sei ihm deshalb verziehen. In ihm fantasierte er sich die Gefährtin eines genialen jungen Mannes herbei. Sie lernt bei ihm vollständige Hingabe, dann stirbt er plötzlich. Sie dagegen lebt weiter, ausgezehrt, aber poetisch anzusehen, „wie ein Lied, das ein begnadeter Sänger schuf“. Ottorino Respighi vertonte die träumerischen Verse stimmungsvoll für Mezzosopran und Streichquartett, und seine Frau Elsa fand nichts dabei, die Solostimme zu interpretieren. Im Kammermusiksaal der Philharmonie haben das Athenäum-Quartett und Magdalena Kozena sich des Werks erneut angenommen. Und wenige Sängerinnen können schwierige Texte so klar, intelligent, differenziert und technisch perfekt deklamieren wie Kozena.

Man würde ihr also selbst bei diesem Gedicht bedingungslos folgen, wenn sie sich auf die Rolle des Erzählers beschränkte. Leider jedoch nimmt die Sängerin Shelleys Traumfrau nicht bloß als Vision ernst, sondern versucht, die blutleere Figur auch durch bewegte Mimik und opernhafte Gesten lebendig werden zu lassen. So bleiben von diesem Abend eher jene Momente, in denen sie mit Shelley über die Natur des Wahnsinns reflektiert oder seinen Atheismus durchscheinen lässt. Zu Beginn hatte das Quartett mit Gian Maria Bonino „passo passo“ uraufgeführt. Kein Ereignis, nur eine brave Komposition von Joel Hoffmann für Cembalo und Streichquartett in hochprofessioneller Darbietung. Carsten Niemann

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