Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

JAZZ

Das Kissen

im Nacken

Weit entfernt scheint die Welt der ratternden Großstadt bei Harold Budd, der einst mit dem Free-Jazz-Saxofonisten Albert Ayler in einer Militärkapelle trommelte, bevor er sich unter dem Einfluss von John Cage ans Klavier setzte und mit Brian Eno den Ambient-Begriff in die Popmusik gebracht hat. Eigentlich hatte er vor Jahren seinen Rückzug verkündet, nun haben sie den 71-jährigen Leisetreter überredet, sich nochmals an den Flügel zu setzen, für sein Deutschlanddebüt im Rahmen des „Interface“-Festivals im Ballhaus Naunynstraße, wo man bereits am Donnerstag mit dem Gitarristen Rick Cox durch eine Klanglandschaft reisen durfte, die sich anhörte wie eine Musikkassette von Ry Cooder, die zu lange in der Sonne gelegen hat.

Auch Budd entführt sein Publikum in eine Zwischenwelt voller Zwielicht und Nebel, wenn der Minimalist mit äußerster Vorsicht hingehauchte Jazz-Akkorde aus dem Flügel drückt, so traumverloren wie ein Barpianist, dem man vergessen hat zu sagen, dass der Laden schon geschlossen hat, während man im Hintergrund das Tuch quietschen hört, mit dem der Barkeeper die Gläser spült. Dabei ist es nur das präparierte Tonband von Werner Dafeldecker, der mit Boris Hauf hinzugekommen ist. Das Trio entwickelt in entspannter Konzentration eine fast scheu inszenierte Musik, die sich immer wieder in magischen Momenten verdichtet. Und wenn diese verfeinerte Bettschwere kurz davorsteht, in Gedankenlosigkeit abzudriften, möchte man fast durchschlafen bis zum letzten Festivaltag, wenn mit David Toop ein weiterer Altmeister der improvisierten Musik auftreten wird (heute, 20 Uhr). Volker Lüke

BALLETT

Den Doktor

im Rücken

In ungewohnter Rolle präsentierte sich Vladimir Malakhov in der Staatsoper: Nach seiner Knie-OP kann der Ballettstar erst wieder im Januar auftreten. Bei der Ballett-Gala, mit der das Staatsballett Berlin traditionell die neue Saison einläutet, beschränkte er sich deshalb auf die Rolle des Conferenciers. Die Erlöse kommen dem Verein „Tanz ist KLASSE!“ zugute, der das Education-Programm des Staatsballetts unterstützt. Zu Beginn hatte Schirmherrin Brigitte Oetker auf die Zusammenarbeit von Staatsballett und Charité hingewiesen. Hochleistungs-Tänzer stehen unter verschärfter Observation der Sportmediziner. Doch die Verschwisterung des Kulinarischen und Therapeutischen an diesem Abend mutete seltsam an. Bei jedem Bravourstück fragte man sich insgeheim: Was hätte der Doktor dazu gesagt?

Freilich wirkte der Abend eher wie ein Schonprogramm. Nicht nur Malakhov fehlte, auch auf Gaststars hatte man verzichtet. Die Solistenriege des Staatsballetts bestritt allein das Programm – ergänzt um die famosen Neuzugänge Mikhail Kaniskin (vorher Stuttgarter Ballett) und Dmitrij Semionov (vorher Dresden Semperoper Ballett). Dargeboten wurden neben den Delikatessen des Ballett-Repertoires Raritäten russischer Herkunft. Zum Tanzrausch reichte es diesmal nicht, stattdessen waren hyperventilierte Leidenschaften zu besichtigen. Der Höhepunkt war der erste gemeinsame Auftritt eines Geschwisterpaars: Polina Semionova und ihr älterer Bruder Dmitrij Semionov brillierten in dem Grand Pas de deux aus „Don Quijote“ mit seinen Hebefiguren. Sandra Luzina

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