Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Sprung ins tiefste

Grummelregister

„Heute wird er wieder alles anders machen“, raunte der Flötist, der in Mozarts C-Dur-Klavierkonzert Nr. 21 pausierte und sich in die letzte Sitzreihe des Konzerthauses geschlichen hatte. Tatsächlich: In der Kadenz entbändigte der Pianist Fazil Say jubelnd das musikalische Material, sprang jäh vom höchsten Fistel- ins tiefste Grummelregister des Klaviers. Und doch war dieses spontane Kabinettstück in seinen blitzenden Läufen so ebenmäßig und elegant, als hätte es schon immer einem Konzert von Mozart angehangen. Man vergaß fast, dass es dem Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek an diesem Abend zunächst nicht um Mozart, sondern um Annäherungen Europas an den Orient ging. Das gelang nicht nur mit der Einladung des nonkonformistischen türkischen Pianisten. Das große Orchesterstück „Maqbara“ des Spaniers José Maria Sánchez-Verdú hielt das Publikum so in Atem, wie man es von den wenigsten jüngeren Komponisten gewohnt ist. „Maqbara“ lässt Texte des alten persischen Philosophen Omar Chajjam und des modernen syrischen Dichters Ahmad Said Esber zu einer packend expressiven und extrem räumlichen Musik flüstern. Dagegen warfen Karol Szymanowskis meditativ kreisende „Lieder des verliebten Muezzin“ (Sopran: Aleksandra Zamojska) weniger ein Licht auf die intellektuelle Kraft und Kultur des Ostens als auf das artifizielle Orient-Bild des westlichen Fin de Siècle. Matthias Nöther

ROCK

Bierbäuche

klingen besonders gut

Ob es Zufall ist oder Trend, dass die Frontleute junger Bands zu Schwabbeligkeit neigen? Weg vom Schönheitsideal des muskulösen Rockstars mit Waschbrettbauch, es diesen Iggys, Bowies und Jaggers, den alten Säcken, mal richtig zeigen. Etwa im Lido: Dem Sänger spannt eine Bierbauchkugel unter blauer Trainingsjacke, und er singt richtig gut, mit seiner Band Subliminal Girls, stilistisch irgendwo zwischen The Jam und den frühen Who. Mächtig Gewirbel. Mächtig Rumms. Und sind erst die Vorband. Was soll da noch kommen? Simon Clayton aus Brighton war früher Dichter, jetzt will er Rockstar werden mit veritablem Bauchspeck, schwarzer Rickenbacker-Gitarre, einer hübschen E-Piano-Spielerin, die mit ihm und der Band The Indelicates mitreißend dynamische Songs runterknallt, wie etwa die schöne Single „Waiting For Pete Doherty To Die“. Das hat Klasse. Und ist erst die zweite Vorgruppe. Den schönsten Bauch hat Eddie Argos, Frontmann von Art Brut, im blauen Oberhemd. Mit plumpsigem Sprung auf die Bühne gedotzt, macht er erst mal einen eleganten Roger-Daltrey-Mikrokabel-Drehschleuderer, um den ersten Song ins rasende Auditorium zu schleudern: „Pump Up The Volume“. Und sie pumpen mächtig auf: Lautstärke und wüstes Gezappel und Gezuppel an Fender Jaguar, Les Paul, Bass und Stehschlagzeug. Songs über die Ups & Downs eines Teenageralltags: gutes Wochenende, schlechtes Wochenende. Neue Liebe und alte Liebe, die man nicht vergessen kann. Ein kleiner Bruder, der gerade den Rock ’n’ Roll entdeckt hat. Und junge Fans, die vorletztes Jahr das Debütalbum von Art Brut entdeckt haben, „Bang Bang Rock ’n’ Roll“, und jetzt ausgelassen hopsen. Lustige Party. Schade allerdings, dass Argos’ modulationsarmer Sprechgesang auf Dauer ermüdend wirkt, er die hübschen Songs der neuen Platte „It’s A Bit Complicated“ zu gleichförmig runtergrölt. H.P. Daniels

POP

Klänge

mit Schwergewichten

Markus und Micha Acher haben kein Problem damit, als Sonderlinge vom Land zu gelten. Die Herkunft aus dem bayerischen Weilheim ist nicht erst seit dem Erfolg ihrer Indie-Band The Notwist ein Ehrenabzeichen für Musiker, die das Abseitige schätzen. Mit dem Tied & Tickled Trio hängen die Brüder Jazz- und Dub-Motiven Gewichte an die Füße – rumpelnde, schratige Grooves mit der ursprünglichen Kraft schwäbischer Guggenmusik. Das fühlt sich tatsächlich wie gefesselt an und mit Federn gekitzelt zu werden, nach jener japanischen SM-Technik, die der Band den Namen gab. Das aktuelle Album Aelita schraubt alles Ekstatische zurück, die Bläser sind feinen Synthie-Flächen wie aus Science-Fiction-Soundtracks gewichen. „Wir spielen die Stücke heute in der Voodoo-Version“, kündigt Carl Oesterhelt im Festsaal Kreuzberg an. Ein großer Mann mit hängendem Kopf, der sich mal dem Keyboard, mal dem Glockenspiel zuwendet, aber nie dem Publikum. Schlagzeug und Drumpads wuchten schweres Gerät auf die Bühne, Micha Acher schiebt schwingende Dub-Grooves darunter. Auf einer Leinwand zucken Ausschnitte des futuristischen russischen Stummfilms „Aelita“ vor und zurück. Fans zucken ebenfalls autistisch vor und zurück. Der Apparat verliert immer wieder an Spannung. In der Zugabe werden mit einer Abwandlung des Stücks „Revolution“ endlich die Fesseln gelöst und aufgestaute Energie kommt frei. Kolja Reichert

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