Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Hörprobe im

Bernsteinzimmer

So lässig überzieht nicht mal Thomas Gottschalk: Gut eine Stunde Musik ist angekündigt beim casual concert des Deutschen Symphonie-Orchesters – aber nach 90 Minuten ruft Chefdirigent Ingo Metzmacher in den Saal: „Sie sind ein fantastisches Publikum! Sollen wir das erste Stück nochmal spielen?!“ An die Abmachungen hält sich bei diesem Probelauf für die neue Nietenhosen-Konzertreihe des DSO kaum einer: Das Orchester ist zwar in Freizeitkleidung erschienen, die Blöcke der Philharmonie aber sind von Menschen bevölkert, die es einfach nicht lassen können, sich auch für diesen Abend besonders anzuziehen, als Zeichen der Vorfreude, weil sie Klassik eben nicht als etwas Alltägliches ansehen, sondern, im Gegenteil, als etwas wunderbar Un-Gewöhnliches in modern times: Hier versammeln sich Leute nicht zur Zerstreuung, sondern um sich gemeinsam auf eine Sache zu konzentrieren.

Inhaltlich macht der in Streifenhemd und Jeans gewandete Ingo Metzmacher auch bei dieser als Hemmschwellensenker gedachten Konzertform keine Zugeständnisse, kombiniert Leonard Bernsteins „Divertimento“ über nord- und südamerikanische Tänze mit dessen zweiter Sinfonie, einem Nerven aufreibenden 40-Minuten-Brocken, der ein Langgedicht von W. H. Auden in Töne zu fassen versucht. Nach lockerem Talk mit einigen Orchestermitgliedern gerät Metzmacher die Werkeinführung etwas zu didaktisch- langatmig, aber das Publikum lässt sich gerne darauf ein. Ganz traditionell.

Hinterher geht’s zur DSO–Party ins 40 seconds gegenüber der Nationalgalerie: Ein Cocktail in der Hand, den krassen Klassik-Mix der DJane im Ohr, schweift der Blick aus dem 6. Stock übers nächtliche Ballett der Autos im Ampeltakt: eine Sinfonie der Großstadt. Frederik Hanssen

SHOW

Lausejunge mit

glitzernden Liddeckeln

Das Beste, was man über Barbaras Schönebergers Singstimme sagen kann, ist, dass sie nicht weiter stört. Es ist mit ihr wie mit einem Erdbeerkaugummi kurz vor dem Geschmacksverlust: Er ist schon recht fad, aber so nebenher kaut man gern noch ein bisschen auf ihm herum. Für besondere musikalische Qualität wird man Barbara Schönebergers Singshow One night to remember im Schiller-Theater also nicht im Gedächtnis behalten, vor allem nicht wenn Schöneberger Lieder von Diana Ross oder Barbra Streisand nachsingt – und sich Backgroundmann und Backgroundfrau dabei choreografisch in etwa so gut aufeinander abgestimmt bewegen wie die Rentner in der Aquaerobic. Mehr Strahlkraft bekommt die ganze Darbietung bei Schönebergers eigenen Sachen, etwa bei „Männer muss man loben“. Das klingt ein bisschen, wie man sich Annett Louisan in zehn Jahren vorstellt, wenn ihr jemand vielleicht mal die Zuckerwatte von den Stimmbändern entfernt hat. Nun braucht Deutschland selbstverständlich keine Annett Louisan senior. Dass trotzdem Bedarf an einer Barbara Schöneberger besteht, merkt man vor allem in ihren Moderationen zwischen den Songs: Schöneberger ist immer noch derselbe Lausejunge mit krachendem Dekolleté und glitzernden Liddeckeln, der sie in ihrer TV-Sendung „Blondes Gift“ war. Zum Beispiel als sie in dem Versuch, ihren Körper lasziv auf den Flügel zu gießen, fragt, ob man sich eigentlich noch an das Walross Antje, einstige NRD-Werbeträgerin, erinnere. Dass Schöneberger nach diesen Worten das nächste Lied beginnt, ist ein bisschen schade. Das Schlechteste an ihrer Singstimme ist, dass sie dann aufhört zu erzählen. Verena Friederike Hasel

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