Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Erfüllte

Träume

Ein außergewöhnliches Ensemble. Die Philharmonie ist rappelvoll, dabei gleicht das Ereignis einem Familientreffen. Wiedersehensfreude, Umarmungen. Jubel. Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker feiern ihr 35-jähriges Bestehen. Die Zwölf? Es sitzt nun keines der Gründungsmitglieder mehr unter den Spielern, aber deren viele mit den begeisterten Fans im Saal, um am Ende zu den aktiven Kollegen aufs Podium gebeten zu werden. Ein Stimmungsbild, das Willkommen und Abschied spiegelt, Geschichte des Spitzenorchesters im Lauf der Welt. Das Konzert akzentuiert den Schichtwechsel, aber auch die Besonderheit, dass dieser sich durch die Generationen beinahe unmerklich vollendet hat. Das einst jüngste Mitglied ist im vergangenen Jahr ausgeschieden, und Rudolf Weinsheimer, der als Manager mit dem Markenzeichen „Cello Nr. 7“ umging, sieht alle seine Träume erfüllt. Erstaunlich, wie diese Cellisten sich geistig-musikalisch als eine verschworene Gemeinschaft darstellen, selbst wenn sie krankheitsbedingt mit zwei „Aushilfen“ auftreten, Gästen aus dem DSO und der Orchesterakademie. Ferner ist, wie Ludwig Quandt verkündet, „eine 125-jährige Stagnation zu Ende“: In der Cellogruppe sitzt erstmals eine Philharmonikerin. Für sie ist der Abend eine bestandene Feuerprobe. Sie spielen Boris Blacher, bei dem die Pizzikati nur so blitzen, effektvolle Piazzolla- und Morricone-Arrangements, als Novitäten feine Verdi- und Mendelssohn-Bearbeitungen. Kann es sein, dass sich die beseelte Perfektion der Zwölf noch gesteigert hat? Sybill Mahlke

KLASSIK

Brennende

Bühne

Der Jägerchor ist zusammen. Diese Klippe zumindest haben die Kinder der Klasse 6b der Charlotte-Salomon-Grundschule umschifft, anders als der Männerchor der Deutschen Oper, der während der „Freischütz“-Premiere im März ausgerechnet beim Gassenhauer baden ging. Jetzt gibt es einen Freischütz für Kinder am Haus, bearbeitet von Curt A. Roesler. Er ist ungleich kompakter und überzeugender als die große Inszenierung von Alexander von Pfeil. Es geht darum, die Kinder ans Musiktheater heranzuführen, also wird ihre Aufmerksamkeit mit lustigen bunten Häusern eingefangen, die sich flugs in dunkle Felsen verwandeln, mit Bäumen, Rauch und echtem Feuer. Wenn dann die Großen singen, etwa Jörg Schörner als Max oder Fionnuala McCarthy als Agathe, zeigt sich schnell ein Blitzen in den Augen der Kleinen. Die Geschichte ist gestrafft, mit der Linearität nimmt man es nicht so genau, aber das macht nichts. Roesler flitzt als wunderbar wuselnder Erzähler durch die Geschichte und ersetzt gleich mehrere Charaktere wie den Erbförster oder den Fürsten Ottokar. Die Kinder der Kreuzberger Schule, mit der Roesler schon 2003 für „Elster und Parzival“ zusammengearbeitet hat, spielen nicht nur mit und singen den Rosenkranz oder die Wolfsschlucht-Geister. Sie waren auch an der Entstehung von Text, Bühnenbild und Dramaturgie beteiligt und dienten als Kontrollinstanz, ob auch alles kindergerecht ist. Das Klavier (Leitung: Kevin McCutcheon) ersetzt im kammermusikalischen Arrangement die Streicher, fünf weitere Musiker sorgen für klangliche Farbtupfer. Udo Badelt

AUSSTELLUNG

Eleganter

Übergang

Brücken können auch entzweien, wie der unsägliche Streit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke gezeigt hat. Brücken sind Symbolarchitektur. Aber wenn die Ingenieur Kunst Galerie Berlin nun die Ausstellung Berliner Brücken. Neue Verbindungen nach der Wende zeigt, liegt das Augenmerk naturgemäß auf der konstruktiv-technischen Seite (Burgstraße 27 in Mitte, bis 4. 11. Mi-So 12-20 Uhr). Doch gerade im Nützlichen kann Schönheit liegen. In Berlin sind seit 1990 rund 190 Brücken grundlegend erneuert oder gänzlich neu gebaut worden. 18 Beispiele werden hier präsentiert, von der für Fußgänger elegant über den Spreebogen geschlagenen Gustav-Heinemann-Brücke, die den Vorplatz des Hauptbahnhofs mit dem Bundeskanzleramt verbindet, bis zu den Autobahnbrücken der A 113 Richtung Schönefeld. Bei allen neueren Berliner Straßen- und Fußgängerbrücken hat die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung durchgesetzt, dass neben den federführenden Ingenieurbüros auch Architekten tätig werden. So tauchen in der Ausstellung prominente Namen auf: Max Dudler, gmp, Benedict Tonon haben Berliner Brückenschläge baukünstlerisch veredelt. Bei ihrer Bewertung hält sich die Präsentation allerdings zurück. Gezeigt wird etwa die neue Nördliche Monbijoubrücke vor dem Kopfbau des Bode-Museums, eine in jämmerlicher Camouflage mit Sandsteinplatten verkleidete Stahlkonstruktion. Michael Zajonz

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