Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Schöne

Schalen

Jene künstlerische Praxis der Sechziger, die als „Minimal Art“ in die Kunstgeschichte eingegangen ist, verweigert sich der Repräsentation. Minimalistische Objekte oder Bilder sind, was sie sind – nicht mehr und nicht weniger. Indes haben sich viele Verfechter des Ungegenständlichen sehr „nützlich gemacht“, wie eine Ausstellung der Daimler-Chrysler Collection vor Augen führt. So entwarf Donald Judd auch Arbeitstische, schufen Bauhäusler wie Josef Albers oder Max Bill zugleich Uhren, Hocker, Couchtische. Beginn der Ausstellungsreihe Minimalism and Applied: 35 Künstlerpositionen von der Klassischen Moderne bis zur Jetztzeit beweisen im Haus Huth, dass die Grenzen zwischen autonomer und angewandter Kunst fließend sind (Alte Potsdamer Straße 5, bis 27. 1.). Die Schau interessiert sich vor allem für Grenzgänger: Anton Stankowski war freier Maler und Werbegrafiker, Alexander Liberman experimentierte mit gemalten Kreisformen und war Art Director des Magazins „Vogue“. Herbert Krenchels minimalistische „Krenit“-Schalen sind fast zu schön, um Eier darin zu verquirlen. Kunst oder Kunsthandwerk? Die Kategorien verschwimmen erst recht bei den Jüngeren wie Heimo Zobernig, Maria Eichhorn, Andrea Zittel oder Ruby Anemic, die Charles Eames’ „Hang it all“-Garderobe durch riesenhafte Vergrößerung entfunktionalisiert. Nic Hess feiert den berühmten Rietveld-Stuhl, der schon im Original zwischen Skulptur, Malerei und Mobiliar oszilliert. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Pflaumige

Klänge

Selten hat man bei einem Konzert mit Neuer Musik einen so gut gefüllten Saal gesehen wie bei diesem Auftritt des Ensemble Modern Orchestra im Konzerthaus. Mit Pierre Boulez hat das Ensemble allerdings auch eine lebende Legende als Dirigenten mitgebracht. Er passt wunderbar zum Orchester, denn er dirigiert knapp und präzise, allerdings nicht übermäßig inspirierend, und das brauchen die jungen hoch motivierten Musiker auch gar nicht. Gerde „Amériques“ von Edgar Varèse, man konnte es in letzter Zeit mehrfach in Berlin hören, gerät selten spritzig und quirlig in den verquer gesetzten Einzelstimmen. Nach der Pause macht dann vor allem das 2006 komponierte Werk des Berliners Enno Poppe Eindruck. Das aus vier Sätzen bestehende Stück trägt den appetitlichen Titel „Obst“. Nun darf man Poppe unterstellen, dass seine Kompositionstitel („Holz“, „Tier“ oder „Öl“) auch ironisch gemeint sind. Quasi als Rekurs auf ein nach wie vor bestehendes Bedürfnis nach bedeutungsvollen Werktiteln. Aber zu hören waren fruchtige Assoziationen, Bilder von Rundheit mit gutem Willen, etwa, wenn Pope im zweiten Satz wunderschöne Klänge pflaumig auf die mikrotonale Achterbahn schickt. Nach den „Notations“ von Boulez tobt dann der Saal, der Meister wiederholt den letzten Satz. Ulrich Pollman

ARCHITEKTUR

Sonnige

Aussichten

Die Australieneuphorie der Olympischen Spiele in Sydney ist verflogen, doch die Faszination von Down Under bleibt ungebrochen. Wie aber sieht der australische Lebensstil tatsächlich aus? Das zeigen die Wohnräume, denen sich eine Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum widmet (Köpenicker Straße 48/49, bis 11. 11., Begleitbuch Hatje Cantz 35 €). Licht, Luft und Sonne, Leitmotive der europäischen Moderne, haben in Australien optimale Entfaltungsmöglichkeiten gefunden. Zugleich zeigen die ausgestellten Einfamilien- und Apartmenthäuser Einflüsse aus Amerika und Asien. So gehören die Auseinandersetzung zwischen Ost und West sowie die Einbettung in die Landschaft ebenso zu den Leitthemen wie die ewigen Gegenspieler Minimalismus und skulpturale Gestaltung. Während in Deutschland australische Architektur meist auf die Oper in Sydney reduziert wird, hat sich dort eine vielfältige Architekturszene entwickelt. Typisch australische Elemente sind jedoch nur schwer festzumachen. Vielmehr kennzeichnet eine generelle Offenheit gegenüber der Moderne und Experimentierlust die neue Architektur von Down Under, wie sie auch das gleichnamige Überblicksbuch von Dana Jackson (DVA 2007, 49,95 €) präsentiert.Jürgen Tietz

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