Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

FOTOGRAFIE

Ich kenne dich,

ich kenne dich nicht

Das Bild ist nicht genug, muss sich François-Marie Banier gedacht haben, als der „straight photographer“ Ende der Achtziger seine Schwarz-Weiß-Fotos handschriftlich zu ergänzen begann. Written photos ist sein Crossover zwischen Fotografie und Literatur in der Villa Oppenheim überschrieben (Schloßstraße 55, bis 25. 11., Katalog 25 €). Am besten funktioniert das Konzept des Pariser Fotografen bei menschenleeren Sujets und großzügigen Flächen. So schmiegt sich seine akkurate Handschrift in die Rundungen eines Waschbeckens, zieht Gedankenspuren durch einen verschneiten Park in Paris oder zeichnet „Kondensstreifen“ in den hellgrauen Himmel über Rio: „Ich kenne dich, ich kenne dich, ich kenne dich nicht.“ Liebesgeschichten werden angedeutet. Die Zeilen sind mal zärtlich, mal voller Ironie, oft kryptisch. Schön, wie ein mehrstimmiger Banier-Text das fehlende Publikum in einem Straßencafé auf dem Markusplatz in Venedig ersetzt. Hier wachsen aus den Buchstaben skurrile Gesichter und Figuren. Baniers Be-Schreibungen wirken jedoch aufgesetzt, wenn sie auf Künstlerporträts mit starker Eigenaura treffen (von Vladimir Horowitz oder Louise Bourgeois). Berührend dagegen das Kleinformat mit greisen Zwillingsschwestern: um das Paar herum ein „Brief“ an die offenbar Verschwundenen, sie mögen doch zurückkehren. Jens Hinrichsen

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