Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Wenn die Züge

rollen

Schon mit dem ersten Song nimmt die Band gewaltig Fahrt auf: „The Train Kept A Rollin’“, vorwärts, geradeaus, und in die Kurve gelegt mit fräsend kreischenden Gitarren, rhythmisch ratterndem Schlagzeug. Tempo. Energie. Am Vorabend des Eisenbahnerstreiks, der ihren Song Lügen straft, rocken die Yardbirds im Quasimodo, dreckiger Rhythm And Blues, harte Riffs und Bottleneck. „Drinking Muddy Water“, „Heart Full Of Soul“. Dennoch sind es nicht die originalen Yardbirds. Drei der heutigen Mitstreiter waren nicht einmal geboren, als die Band 1963 anfing, den Rolling Stones als harte R&B-Gruppe in London Konkurrenz zu machen. In den fünf folgenden Jahren gaben sich nacheinander Eric Clapton, Jeff Beck und Jimmy Page den Klinkenstecker in die Hand. Unter Beck experimentierten sie mit Fuzz-Gitarre, exotischer Harmonik und früher Psychedelic. 1968 lösten sie sich auf, und Jimmy Page formte aus der umbesetzten Band Led Zeppelin. Als sich ein Vierteljahrhundert später Drummer Jim McCarty und Gitarrist Chris Dreja mit dem Sänger und Bassisten Jim Idan zusammentaten, um wieder als Yardbirds zu firmieren, schien Skepsis angebracht. Doch die neuen Yardbirds sind umwerfend gut. Aufregend dynamisch spielt der junge Ben King seine Stratocaster, lässt sie singen und schreien. Der 60-jährige Chris Dreja pfeffert schwere Akkorde in seine Les Paul, der 64-jährige Jim McCarty ist immer noch ein herausragender Drummer und Idan ein würdiger Nachfolger des 1976 verstorbenen Frontmanns Keith Relf. Mühelos bestehen die alten Yardbirds-Songs den Test der Zeit. Vergnüglicher Abend.H.P. Daniels

KLASSIK

Wenn der Bass

donnert

Das ist Ehrgeiz: Ein virtuoses Vivaldi-Konzert für gleich vier Violinen, ein deutsches Ensemble, das sich von einem italienischen Maestro dazu verführen lässt, seinen polierten Streichorchestersound auf historische Instrumente zu übertragen, eine Sängerin, die zwar leise, jedoch aberwitzig präzise mit einer Sopranino-Blockflöte um die Wette zwitschert, ein Bass, der seine Wut bis in Block F des Kammermusiksaals der Philharmonie hinaufdonnert und dann zeigt, wie man eine ganze wiederholungsreiche Arie lang tief empfundene barocke Koloraturen weint. Atem geholt! Denn all das ist nur der Beginn des Konzerts, mit dem das Ensemble Oriol seine neue Konzertsaison eröffnet.

Nach der Pause jagen sich Vito Priante und Yeree Suh in einer „halbszensischen“ Aufführung von Händels Kantate „Apollo e Dafne“ durch den Saal, dass die Abonnenten nur so von ihren Sitzen stieben. Ehrgeiz hat auch seinen Preis. So vehement die Botschaft „Barock ist Gegenwart“ auch vertreten wird: Ganz wird diese Gleichung nie aufgehen. Schon dass Dafnes Sprödigkeit sich vor allem der Sorge um ihre „Ehre“ verdankt, bleibt unverständlich. Und weil Regisseur Jan Bosse die fantastisch-mythologische Geschichte im Ambiente eines modernen Konzertsaals erzählt, endet sie auch nicht als Lorbeerbaum, sondern als dekorative Topfpflanze. Carsten Niemann

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