Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Rundenläufer mit

schwerem Schritt

Ohne Unterbrechung durch eine Pause ziehen in der Philharmonie die vier Sätze von Bruckners Achter vorüber, die die Berliner Philharmoniker unter Bernard Haitink geben. Wie Anton Bruckner es so oft getan hat, so nahm der Komponist sich auch die 1887 fertig geschriebene Symphonie noch einmal vor, weitere drei Jahre arbeitete er daran, hat sie umarrangiert und passagenweise neu ersonnen. Knappe anderthalb Stunden dauert das nicht nur für seine Länge berüchtigte Stück, bis heute vermittelt sich auch das Befremden, das schon die Zeitgenossen gegenüber dem letzten Satz empfanden: ein rhythmisch klares, mitunter militärisch-maschinistisches Getöse, ein kompaktes Gegenüberstellen der verschiedenen Stimmgruppen, in dem der Pauke immer wieder die Aufgabe zufällt zu vermitteln, ein einziger großer Anlauf hin zu den kraftvollen, minutenlang ausgehaltenen Schlussakkorden schließlich, in die die Posaune mit scharfen Kommentaren einfällt. Diese gleißenden Klänge beeindrucken an diesem Abend ebenso wie der kreischend arretierende verminderte Akkord gegen Ende des ersten Satzes, der einen wunderlich leise werdenden Schluss einleitet: laut auch er, auch machtvoll. Aber nie forciert.

Haitink freilich, der klare Signale gibt und am Pult steht wie in Stein gemeißelt, nimmt auch das „nicht schleppend“ des Adagio wörtlich, und so kommt es nach dem rumpelnden Scherzo, dem süß-selig beginnenden Trio, zu einem Satz, der weniger Ruhe ausstrahlt als er womöglich ausstrahlen könnte. Es dauert eine ganze Weile, mehrere jener Runden gleichsam, die Bruckner hier einkomponiert hat, indem er die Anfangssequenz immer wieder aufnimmt, bis sich das Ensemble in den schweren Schritt dieses dritten Satzes einschwingt. Christiane Tewinkel

MUSIKTHEATER

Auch Liebe

ist Arbeit

Die Idee ist goldrichtig: Zarzuela, das spanische Volksmusiktheater, im Offkultur-Hotspot Hebbel am Ufer gespielt von Studenten der Berliner Hochschulen, inszeniert von Regie-Novizen, mit dem RIAS-Jugendorchester im Graben. Geballte Nachwuchspower für ein Genre, das seine Blüte um die Wende zum 20. Jahrhundert erlebte, sich als feurig-folkloristische Konkurrenz zur zentraleuropäischen Operette in Deutschland aber nie durchsetzen konnte. Nur leider wissen die angehenden Stückedeuter so gar nichts mit den Liebesgeschichten aus den Arbeitervierteln von Madrid anzufangen, vertun leichtfertig die Chance, sich unter professoraler Anleitung und mit der Komischen Oper als Kooperationspartner erst einmal im Handwerk zu üben. Nein, sie markieren gleich den großen Regie-Zampano, pfeifen auf die Libretti und knallen dreist Dekonstruktivistisch-Halbgares auf die Bühne. Muchas gracias.

Bleiben bei diesem Drei-Stücke-an-einem-Abend-Spektakel als Aktivposten die Partituren, die mit ihren reichen Rhythmen, ihrer melodieseligen Unbeschwertheit auch unter den erschwerten Bedingungen von Jungdirigenten-Nervosität sofort ins Blut gehen. Am besten ist Ruperto Chapis „La Revoltosa“, von Arno Waschk schlagfertig geleitet, gesungen von einer wirklich vielversprechenden Truppe: Ana Maria Pinto und Martin Gerke, Marian Kalus, Anna Hofmann, Bele Kumberger und Manuel Gomez Ruiz wünscht man für ihre Profikarriere reichlich cochones – und Regisseure mit einem Ohr für Musik, statt für innere Stimmen. (noch einmal heute, 19.30 Uhr) Frederik Hanssen

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