Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Handküsse

vom Schönling

David Sylvian sah nie wirklich jung aus. In den Anfangstagen seiner Karriere als Sänger von Japan strahlte er als knapp Zwanzigjähriger trotz zeittypischer Vogelnestfrisur und New-Romantics-Klamotten eine Würde aus, die über seine Jugend hinausragte. Und heute, mit 49, wirkt er kaum älter als damals in den späten Siebzigern: Ein gertenschlanker, weißblonder Schönling mit tadellosen Manieren, der seinen Fans im SchillerTheater einen Auftritt von erlesener Gediegenheit bietet. Wer allerdings mit einem Popkonzert Schweiß und Emotionen verbindet, ist hier am falschen Ort. Knapp zwei Stunden lang harmoniert David Sylvians schwebend körperloser, meist im schmeichelnden Bariton tönender Gesang vortrefflich mit den angejazzten, handwerklich auf höchstem Niveau verfertigten Arrangements seiner vier Begleiter, darunter sein jüngerer Bruder Steve Jansen an den Drums. Die durchweg gemächlichen Songs schnurren makellos wie Schweizer Uhrwerke. Selbst solistische Ausbrüche wie Takuma Watanabes Piano-Freejazz-Läufe in „Mother And Child“ oder Keith Lowes Kontrabass-Geschabe bei „Playground Martyrs“ wirken exakt kalkuliert. Dennoch hält man sich gern an diese kleinen Unebenheiten im glatten Programm. Von den aufregend durchlöcherten Klangwelten der letzten Soloplatten, die auch Sylvians Stimme neue Intensitäten abforderten, bleibt dieser altersweise Auftritt weit entfernt. Stattdessen Formvollendung bis zum Schluss: David Sylvian verbeugt sich artig, winkt huldvoll, haucht ein paar Handküsse ins Publikum. Da geht er hin, der letzte Pop-Aristokrat. Jörg Wunder

ROCK

Gangster

am Saxofon

Drummer Luke Flowers ist sichtlich ergriffen. Als das Publikum die Band endlich von der Bühne lässt, blickt er beim Abgang noch einige Male in den Saal, als könne er nicht glauben, was hier gerade passiert ist. Euphorisierte Zuhörer, mehr als dem Lido am Freitag guttun – 200 kamen gar nicht erst rein –, fordern johlend und trampelnd Zugaben, obwohl die Musik von The Cinematic Orchestra eher für weiche Wohnzimmersessel gemacht ist als für den Club. Produzent Jason Swinscoe begann Ende der Neunziger, Jazz-Improvisationen den Methoden elektronischer Musik zu unterwerfen und die ausschweifende Traumarchitektur von Filmmusik mit der Lässigkeit von Trip Hop zu verbinden. Im Mai überraschte das Album „Ma Fleur“ mit einer Hinwendung zum reduzierten, intimen Songwriting. Schön, wie die zunächst betont coolen Briten immer mehr aus sich herauskommen und die Energie einer Jamsession entfachen. Luke Flowers federnde Rhythmen werden von Phil Frances warmem, seidigem Kontrabass getragen, während Saxofonist Tom Chant mit weißem Hut die Atmosphäre alter Gangsterfilme heraufbeschwört und sich in schrille Freejazz-Improvisationen steigert. Swinscoe hackt in atemberaubender Geschwindigkeit auf seine Sampler ein und gibt den still lächelnden Conferencier, der hin und wieder Fontella Bass auf die Bühne bittet. Sie füllt mit gigantischen Locken und tiefschwarzer Stimme den Raum und sorgt spätestens mit dem treibend fordernden „Evolution“ dafür, dass der Saal kocht. Kolja Reichert

POP

Stereo

mit Nickelbrillen

„Wir haben eine neue Platte gemacht“, sagt Kevin Drew Sonnabendnacht im Lido. Er sagt „wir“, denn sein neues Soloalbum „Spirit If ...“ ist eigentlich weniger Soloalbum denn ein weiteres Album seiner Band Broken Social Scene. Mit dem Unterschied, dass diesmal seine eigenen Songs im Mittelpunkt stehen. Und es wird auch weniger Instrumentarium aufgefahren als sonst. Das kanadische Musikerkollektiv, das oft mit 15 Musikern und mehr bestückt ist, darunter diversen Frauen, gelegentlich auch der zauberhaften Leslie Feist, kommt diesmal in kleiner, ausschließlich männlicher Besetzung.

Keine Bläser, keine Exotik und Chaotik instrumentaler Massenaufmärsche, nicht das gewohnte Kammer-Pop-Orchester. Heute dominieren die elektrischen Gitarren. Diedeln, Fiedeln, Gniedeln. Hypnotisch monoton, getrieben vom Uhrwerk eines hämmernden Präzisionsschlagwerkers und eines achtelig riffenden Basses. Zuppelige Hippiehaare, gestutzte Vollbärte, runde Nickelbrillen. Ein paar Keyboardsounds von hinten. Und in der Mitte singt Kevin Drew von „Lucky Ones“ und „Fucked Up Kids“. Die Songs fließen ineinander, Kiffermusik. Rauschhafte Klangbilder. Hüpfen, Kopfwackeln, ekstatisches Tanzen. Soundlandschaften, die man durchquert wie in einem Roadmovie: endlos öde, karstige Landschaften, mit rhythmisch vorbeisirrenden Telegrafendrähten.

Plötzlich wacht man auf aus der Trance: ein unerwarteter Akkordwechsel, eine hübsche Melodie, ein überraschendes Thema. Bäume huschen vorbei. Grün. Tiefes Blau. Ein Fluss, ein See, klares Wasser. Langsames Rauschen. Und wieder rasendes Tempo. Jetzt singt die linke Brille, Brendan Kenning. Und die rechte Brille sägt Soli auf der Gibson SG. Der Keyboarder spielt auch mal Gitarre und singt. Es klingt mal nach Cure und mal nach U2 und auch mal nach Broken Social Scene. Nach anderthalb Stunden ist man erschöpft wie nach einer Tausendkilometerfahrt. Zur Erholung singen alle Fans mit Kevin noch ein erfrischendes Liedchen. Dann aber müssen wir uns die Beine vertreten. H.P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar