Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Atmender

Asphalt

Wie Ying und Yang stehen die beiden Flügel ineinander geschoben und demonstrieren so bereits optisch den Anspruch auf Einheit, auf Ergänzung von Gegensätzlichem. Doch der pianistische Parforceritt durch die Jahrzehnte der Klavierliteratur, den die Gebrüder Anthony und Joseph Paratore im Kammermusiksaal hinlegen, erinnert zu Beginn eher an ein Verpappen. Die Amerikaner spielen die h-Moll-Sonate von Liszt handwerklich perfekt, mit feinem Gespür für Dynamik und zwangloser Koordination. Aber die Klanggewalt der zwei Klaviere (Bearbeitung: Camille Saint-Saens) nimmt das Werk in die Mangel. Die Töne verschwimmen auch wegen übermäßigen Pedaleinsatzes, klammern sich aneinander, wo man sich mehr Schärfe und Klarheit des Virtuosen Liszt gewünscht hätte. Bei Debussy aber stört das nicht mehr. In seinem Prélude à l’après-midi d’un faune ist alles flirrende Nachmittagshitze. Wie einen breiten, ruhigen Fluss nehmen die Brüder dieses Stück, spielen mit leisen Abschattierungen und in den Forte-Passagen mit meisterlich gezügelter Spannung. Neun klanglich aufs Höchste verdichtete Minuten als Höhepunkt des Abends. In Gershwins Concerto in F fällt dann die ewig brodelnde Metropole New York den Hörer mit Jazztönen an. Die Brüder schwelgen in Kraft und Vitalität, greifen mit vollem Anschlag in die Tasten, malen ein Bild der großen Stadt, in der alles dampft und tanzt.Udo Badelt

AUSSTELLUNG

Putzender

Polizist

Die Kasseler Behörde machte sich nicht beliebt, als sie im Juni die Kreuze zerstörte, die Lotty Rosenfeld anlässlich der Documenta auf die Straße geklebt hatte. Doch offenbar war es ein abgekartetes Spiel, in dem den Ordnungshütern von vornherein der Schwarze Peter zugedacht war. Fraglich bleibt, ob man die nordhessische Stadtreinigung mit der Pinochet-Diktatur vergleichen kann, gegen die Rosenfeld – eine Legende der chilenischen Kunstszene – ursprünglich mit ihren Überklebungen von Straßenmarkierungen agitierte. Ein Video mit dringlicheren Rosenfeld-Aktionen ist nun in der Gruppenausstellung Chile International im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien zu sehen: Chilenische Künstler erinnern an den kulturellen Aufbruch Chiles in den frühen Siebzigern, an die Zeit nach dem Militärputsch 1973 und die Rückkehr der Demokratie seit 1989 (Mariannenplatz 2, bis 28.11., Mo-Fr 14-19, Sa u. So 12-19 Uhr). In einer poetischen Installation zeigt Leonardo Portus fünf Modelle, die wichtige Gebäude der Zeit vor dem Putsch repräsentieren – darunter Off-Galerien und ein Hospital, das von der Regierung Allende geplant, aber nicht fertiggebaut wurde. Das Duo Guillermo Cifuentes/Enrique Ramírez würdigt die heimliche Funk-Musikkultur in Santiago zu Zeiten von Ausgangssperre und „innerer Emigration“. Jens Hinrichsen

ROCK

Raue

Reife

Cindy Bullens wirkt wie eine zähe Sportlerin, die aus der Kabine kommt. Die zuppelig blonden Haare fallen ins Gesicht, als wären sie noch nicht trocken. Jungenhaft hängt sie sich die Akustikgitarre um und legt los. Ungeschminkte Schönheit gereiften Alters manifestiert sich auch in der kräftig angerauhten Stimme, die an Steve Earle erinnern mag, an Lucinda Williams. Als Cindy Mitte der 70er ihre Karriere startete, als Sängerin für Elton John und mit zwei vielversprechenden eigenen Alben, reichte ihr das Schicksal keine Hand, sondern ließ den Erfolg an Pleiten der Plattenfirmen scheitern. Nachdem sie sich aus dem Rockgeschäft zurückgezogen hatte, um sich um ihre beiden Töchter zu kümmern, starb die Jüngere 1996 an Krebs. Mühsam musste sich die Mutter über Jahre erst wieder an ihre kreativen Wurzeln herantasten, um 1999 ein neues Album aufzunehmen. Von „Somewhere Between Heaven and Earth“ stammt die traurige Geschichte „Boxing With God“, mit der sie den Tod der Tochter noch einmal verarbeitet. Wieder erwies sich der intime Rahmen von Berlin Guitars als Glücksfall für Publikum und Künstler. H.P. Daniels

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