Kultur : KURZ & KRITISCH

Peter von Becker

POP

Der römische

Minotauros

Wie ein Ungeheuer tritt er auf. In Halbdunkel, Bühnennebel und Zottelfell gehüllt, eine Art Knochenflöte blasend, ein Satyr, Pan und Paniker. Vinicio Capossela singt, dröhnt, röhrt, verflucht: „Non trattare“, nicht verhandeln, eine Heimsuchung „Bis ich im Blut der Gottlosen meine Füße wasche“. So die deutsche Übersetzung an der schwarzen Rückwand. Man glaubt, bei einer fundamentalistischen Messe zu sein. Dann zieht er sich auch noch eine Stiermaske über, nennt sich sein „eigener Minotauros“ und singt „brucia Troia“, brenne Troja! Doch allmählich, von Song zu Song und Verkleidung zu Verkleidung, verwandelt sich das Monster in einen musikalischen Komödianten, Clown – und Meister. Vinicio, wie ihn die Fans nur nennen, gilt in Italien als romanische Mischung aus Tom Waits und Bob Dylan, er ist Dichter, Komponist, spielt auch an diesem Abend Flügel, Gitarre und Akkordeon, sieht aus wie ein am Scheitel etwas erkahlter Nachfahre von Frank Zappa und gibt mit seiner Band sein einziges Deutschland-Konzert im fast intimen, prall gefüllten Babylon-Kino. In Italien kommen zu seinen Open-Air-Konzerten 30 000 Menschen. Die dunkle Stimme hat was von Waits und Paolo Conte und flirtet manchmal auch mit dem Belcanto – wenn er „Che cossè l’amor?“ fragt oder „Una rosa“ huldigt. Aber Vinicio mixt das in ein Potpourri aus Rock, Rap und Romanze, aus Tango und Tarantella. Ein musikalischer Zirkus. Peter von Becker

POP

Blubber, brodel,

knatter, zisch

Es rattert, knattert, pulst und bebt. Geräusche, die sich steigern, bis alles von einem Schwall zischender Elektronik verschluckt wird – nur noch tote Information, die abgestoßen wird. Klingt so der Absturz einer Festplatte? Zumindest endet so der Auftritt von Raster-Norton, einem Elektro-Label aus Chemnitz, das zum elfjährigen Jubiläum die Steckdosen der Volksbühne angezapft hat, um einen ihrer legendären Labelabende auszurichten. Fünf Digitalkünstler haben ihre Laptops aufgeklappt, darunter Carsten Nicolai alias Alva Noto, der zuletzt mit dem Japaner Ryuichi Sakamoto für Furore sorgte und nun sein neues Projekt „Xerrox“ vorstellt. Anders als beim strengen Formalismus früherer Werke rücken dabei Störgeräusche ins Zentrum, die sich sich mit der naiven Schönheit von Warteschleifenmelodien zu monumentalen Klanglandschaften verbinden. Völlig beatlos brodelt das – und lässt von defekten Heizlüftern bis zum Untergang der Titanic grenzenlose Assoziationen zu. Wer das bedrohlich findet, muss noch lernen, sich fremdartige Schönheit zu erklären. Das Nicolai auch grooven kann, zeigt sich später, als er mit Olaf Bender und Frank Bretschneider als Signal mit bollernden Plucker-Beats eine ultrakühle Weltraumdisco ansteuert. Wie beim Unterwassertanz in „Raumpatrouille Orion“ – oder jedenfalls so, als sei man nicht mehr in der gleichen Welt wie vorher. Ist man auch nicht. Aber das merkt man erst am nächsten Tag. Volker Lüke

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