Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Bunter

Abend

Es muss auch Abende wie diesen geben, bei denen es in der Philharmonie nicht allein um Wohlklang und exquisite Erkenntnisse geht, sondern um ernste, sonderbare Musik einerseits, den wüsten Luxus des Überbunten andererseits. Zunächst also das erste Violinkonzert von Schostakowitsch, mit lässiger Kühle gespielt von der aus Georgien gebürtigen Geigerin Lisa Batiashvili. Vladimir Ashkenazy bemüht sich sehr, die Berliner Philharmoniker durch die zahlreichen Tempowechsel, Phrasenüberlappungen und schwierig auszuzählenden Gefilde zu führen, doch ist eine gewisse Anspannung nicht zu tilgen; schon im ersten Satz, dem Nocturno, buchstabiert man sich ein wenig durch die Noten. Batiashvili hatte gewiss mehr Zeit, sich ihren Part zueigen zu machen als das Orchester. Mehr davon, möchte man deswegen am Ende dieses großartigen Solokonzerts sagen, das insbesondere in den cowboylustigen Passagen des Scherzo für sich einnimmt, und vor allem: bitte viel öfter!

Danach stellt Vladimir Ashkenazy seine Orchestrierung von Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ vor. Als Dirigent nimmt er die Promenade schnell, fast hastet sein Ausstellungsbesucher von Bild zu Bild. Unter dem Bild des alten Schlosses liegt ein unruhiger Puls, und auch der Ochsenkarren, den Mussorgsky an vierte Stelle bringt, lässt Ashkenazy flink daherziehen. Auch als Arrangeur greift er zu interessanten Effekten. Das zuschnappende Klappholz am Ende des „Gnomus“, die zweite Promenade: wie in Zucker gewälzt mit ihren hohen Streichern- und Glöckchenklängen. Die gemeinen Tonrepetitionen von „Samuel Goldenberg und Schmuyle“, dem philharmonischen Konzertmeister Guy Braunstein in den Springbogen gelegt. Das klingt so mittel. Aber dann erst das „Große Tor von Kiew“! Ein großer Krach, mehrere Triangeln inklusive! Das Ende eines wahrhaft bunten Abends. Christiane Tewinkel

KLASSIK

Klare

Linien

Auch mit 80 Jahren habe man noch die Chance, sich vom Kapellmeister zum Musiker zu entwickeln, meint Michael Gielen launig, als er die Ernennung zum Ehrendirigenten des Konzerthausorchesters Berlin erhält. Mit Schönbergs Orchestervariationen op. 31 beweist der knorrige Zuchtmeister, wie er die spröde Zwölftonmusik als logische Konsequenz der angeblich so lieblichen Klassik lebendig zu machen vermag. Dabei nimmt neben Brillanz und feinstem Klanggespür eine Emotionalität gefangen, die sich ganz aus der Struktur entfaltet. Eine Thematik, aus deren ersten Tremoli von Streichern und Harfe noch eine zarte „Tristan“-Melancholie spricht, verdichtet sich zu glühenden Klängen und lässt nicht erst im grandiosen „B-A-C-H“-Schluss polyphone Traditionsbezüge erkennen. Eine Spur souveräne Lässigkeit hätte den bestimmenden Walzerrhythmus noch schwingender zur Geltung gebracht – eine wirkliche Aufführungstradition besitzt auch dieses wichtige Werk noch nicht.

Unvertraut, verstörend müssen 1782 auch die Septimen und Sekunden in Joseph Haydns c-Moll-Sinfonie geklungen haben, die heute in kühner Harmonik und prägnanter Motivzeichnung so unverbraucht originell wirkt. Gielen spart nicht mit ruppigen Akzenten und klärenden Generalpausen. Dass dieser Abend im Konzerthaus quasi zur Vorlesung über Halbtonschritte wird, ob als gefühlvoller „Seufzer“ oder insistierende Dissonanz, dafür sorgt auch Stefan Litwins ungewöhnliche Interpretation von Beethovens Klavierkonzert Nr. 4. Selten hat man schon im zweiten Soloeinsatz die im Triller mündenden Sekundspiele so heftig betont gehört, die Kadenzen so eckig profiliert. Dem berühmten Andante fehlt wohltuend jede „Romantik“ - leider dafür auch im Finale die glitzernde Transparenz. Aber vielleicht geht es auch dabei einfach nur um gestörte Erwartungshaltungen. Isabel Herzfeld

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