Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Propaganda

der Tat

Kurz vor dem G-8-Gipfel lief dieser rührende Märchenfilm im Fernsehen, Julia Jentsch spielt darin eine goldherzige junge Hebamme, die der Bundeskanzlerin und den übrigen Staatenlenkern beim Galadiner der Großen in Heiligendamm ins Gewissen redet, und schon beschließen alle, jetzt aber wirklich etwas gegen den Hunger zu tun. Dass es in der Realität so einfach nicht ist, wissen die Mitglieder des Lubricat theatre ensemble sehr genau. Die Verwirklichung der UN-Millenniumsziele – die Bekämpfung der extremen Armut bis 2015 – den Politikern zu überlassen, das kommt für das Weltverbessererkollektiv schon überhaupt nicht in Frage. Ihre interventionistische Empathy Now! Theaterkampagne in den Sophiensälen (letzte Vorstellung heute um 20 Uhr) folgt dem Leitsatz: „Wissen schafft Bewusstsein – Bewusstsein schafft Veränderung.“ Und beschreibt dabei ein Dilemma, das fast jeder kennt: Man will den Planeten retten, kommt aber nicht mal dazu, den Stromanbieter zu wechseln. In einem Wohnzimmer-Küche-Bad-Bühnenbild vor Plattenbau-Fototapete schreiten Kristina Brons, Anja Marlene Korpiun, Eva Löbau, Vanessa Stern und Niels Bormann zur Propaganda der Tat.

Der privatpolitische Abend, den Dirk Cieslak inszeniert hat, kreist selbstironisch bis radikal-didaktisch um Fragen von Macht und Ohnmacht: was der Einzelne gegen unfairen Handel unternehmen kann, welche Gefühle Bilder verhungernder Kinder auslösen, wie ein allgemeines Weltgesetz aussehen könnte – make law not war! Manche Nummer geht daneben, etwa wenn so lange Spaghetti aus dem Fenster zu geworfen werden, bis das Publikum protestiert. Aber unterm Strich ist diese theatralische Entwicklungshilfe fürs Mitgefühl äußerst bedenkenswert. Patrick Wildermann

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