Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Wagner

für morgen

Noch atmet die Atmosphäre bei den Konzerten der 1989 von Marc Piollet gegründeten Jungen Sinfonie Berlin einen Rest vom aufgekratzten Charme ambitionierter Jugendorchester. Doch diesmal hat das Ensemble aus Musikstudenten und qualifizierten Amateuren nach den Sternen gegriffen. Außer Alban Bergs drei Orchesterstücken und Richard Strauss’ „Don Juan“ liegt der erste Akt von Wagners „Walküre“ auf den Pulten in der Philharmonie. Und neben Piollet, der letzte Saison als Wiesbadener Generalmusikdirektor seinen ersten „Ring“ schmiedete, geben Michael König als Siegmund und Christoph Stephinger als charakterstarker Hunding saubere Empfehlungsschreiben für die obere Liga des Wagnerfachs ab. Als Sieglinde aber tritt mit Annette Dasch eine der bedeutendsten deutschen Sopranistin ihrer Generation auf.

Einfühlsam stützt das Orchester die konzentrierte, textverständliche, emotional intensive und von allen Marotten routinierter Wagneraufführungen befreite Lesart. Schöne Momente auf Augenhöhe, wenn die Bläser Daschs und Königs Kantilenen in der gleichen Intensität weitertragen. Emotion, Kraft und Spannung so geschickt zu disponieren und zu steigern, wie es Annette Dasch tut, gelingt der Jungen Sinfonie allerdings nicht. Dennoch: Der Abend macht Lust auf Wagneraufführungen der Zukunft. Carsten Niemann

KLASSIK

Helden von

gestern

Würde ein Mensch so auftreten, würde man es wahrscheinlich protzig nennen, diese sich Aufplustern, schaut mal alle her, jetzt komme ich. In Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 ist es das Soloinstrument, das sich mit dieser über alle Register sausenden großen Pose vorstellt: Eine Kadenz im satten Es-Dur – Tonart des Heroischen. Mit diesem anfangs zwar ein wenig verzitterten, in der Wiederholung jedoch souveränen Auftritt gibt Pianist Derek Han die Stimmung für zwei Nachmittagsstunden mit den Berliner Symphonikern in der Philharmonie vor: Auch Beethovens 5. Symphonie haftet ja das Etikett „Reden die Menschheit“ an. Mit seinem Klavierkonzert wollte Beethoven angeblich einen ermutigenden musikalischen Gegenentwurf zum blutigen Überfall Napoleons auf Wien schaffen. Folgerichtig stürzen sich Han und die Symphoniker unter Martin Panteleev mit Wonne in den heroischen Ton, verstolpern zwar ein paar Einsätze, sorgen aber im zweiten Satz für Momente von Eichendorffschem Zauber. Durch die Nacht zum Licht: Auch bei der Fünften stimmt – trotz kleiner rhythmischer Unsicherheiten – der große Bogen allemal. Dorte Eilers

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