Kultur : KURZ & KRITISCH

Paul Bräuer

KABARETT

Rockender

Schubert

Er kann es sogar auf Zuruf. Aus dem Rund ruft jemand „Also sprach Zarah Leander“, und prompt finden Strauss' Fanfaren und ein Schlager unter den Fingern des Hans Liberg pianistisch zusammen (wieder von 19. bis 21.10. und 24. bis 28.10.). In mehr als zwei Stunden beweist der preisgekrönte Musikkomiker, dass sich jede Melodie mit jeder kombinieren lässt. Sein Programm „Die Neunte“ hat deswegen kaum Längen, weil das Publikum selbst mitmachen muss bei thematisch-motivischer Schwerstarbeit, von Bach bis DJ Bobo. Unter dem Zeltdach des Tipi am Kanzleramt pfeifen, singen und johlen die Premierengäste mit und lassen sich zur Arie der Königin der Nacht hinreißen. Die Euphorie rührt von daher, dass der Klassik einmal ihr Ernst geraubt wird. Der kahle Holländer Liberg fährt einen Gerätepark an schrägen Instrumenten auf, galoppiert über die Bühne, spielt mit Erwartungen: „Da, hören Sie? Schon Schubert hat Rock gespielt! Er hat es nur nie aufgeschrieben.“ Schade ist, dass viele Witze nicht über den Moment hinaus wirken: Schenkelklopfer werden ausgewalzt. Liberg hält der klassischen Musik einen Spiegel vor, nicht jedoch – wie etwa ein Loriot – dem Publikum. Paul Bräuer

KABARETT

Feiner Herr,

feiner Humor

Kuschelstimmung im Zebrano-Theater. Die Zuschauer sitzen so eng nebeneinander, dass man aufpassen muss, beim Lachen nicht dem Nachbarn auf die Schenkel zu schlagen. „Zumindest kippt man nicht um, wenn man einschläft“, raunt jemand. Die Überlegung scheint berechtigt, „Krämer bei Nacht“ heißt das Programm – mit Schlafliedern und Gute-Nacht-Geschichten (wieder heute 20 Uhr 30). Auf der Bühne stehen ein Klavier und Sebastian Krämer. Der junge Herr mit der Mimik eines Stummfilmprotagonisten ist leiser geworden – dafür hintersinniger. „Nachts sind alle Tasten schwarz“, heißt die Devise, und so entwickelt sich das anfängliche Schlaflied für die Geliebte zum hasserfüllten Weckruf und die Ode an den Mitschüler zur Hymne seines Untergangs. Waren die bisherigen Programme des Wahlberliners immer eher Best-Of-Compilations, ist „Krämer bei Nacht“ ein Konzeptalbum. Der mehrfach ausgezeichnete Kabarettist muss es niemandem mehr beweisen. Das ist der feine Humor eines feinen Herren. Selbst die zeitweilige Hochnäsigkeit und Bildungsbürger-Attitüde des ehemaligen Wunderkindes werden gebrochen. „Krämer bei Nacht“ ist der leiseste und persönlichste Sebastian Krämer, den es je gab. Wer Krämer verehrte, der wird ihn lieben. Lea Streisand

POP–LESUNG

Goldene

Jahre

Das Popbusiness scheint auf manche seiner Protagonisten wie ein Jungbrunnen zu wirken: Joe Boyd sieht wie ein Mittvierziger aus, ist aber bereits 65 Jahre alt und hat eine bewegte Karriere als Produzent, Promoter, Clubbetreiber und Labelmanager hinter sich. Im Haus der Kulturen der Welt liest er vor überschaubarem Auditorium aus seinem Buch „White Bicycles“, einer Reise ins goldene Zeitalter der Popmusik, die sechziger Jahre. Die selbstironisch vorgetragenen Kapitel hauchen eine Lebendigkeit in Anekdoten: erste Aufnahmesessions des schüchternen Nick Drake, in postkolonialer Dekadenz stattfindende Vertragsverhandlungen mit dem flamboyanten Island-Labelchef Chris Blackwell, Bob Dylans legendärer elektrifizierter Auftritt beim Newport Folk Festival 1965. Oder Boyds eigene Pop-Initiation, als er 1960, gerade 18 geworden, mit ein paar Kommilitonen den vergessenen Blueshelden Lonnie Johnson für 50 Dollar zu einem Konzert in Princeton überreden konnte. Einer von Boyds Freunden war damals Geoff Muldaur, später als Songwriter und herausragender weißer Blues-Interpret zu eigenem Ruhm gekommen. Muldaur, an dessen Zügen der Zahn der Zeit erkennbar genagt hat, singt zwischen den Lesepassagen schöne, traurige Lieder meist längst verstorbener Musiker. Sein weiches, kristallklares Timbre geht zu Herzen. Manchmal begleitet er sein sparsames Gitarrenspiel nur mit einem hohen, feinen Summen, das wehmütig und geheimnisvoll klingt, wie ein Windhauch in alten Telegrafendrähten. Jörg Wunder

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