Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

DESIGN

Streichmesser und Maschinengewehre

Ein Ufo ist gelandet unterm Kreuzrippengewölbe der großen Halle. Und der marmorne Theodor Fontane – im Märkischen Museum nennt man ihn „heimlicher Hausgott“ – blickt eher desinteressiert an der wie ein Schiffsrumpf geformten Ausstellungsarchitektur vorbei. An Bord: Design aus Paris, während die Arbeit Berliner Kreativer zeitgleich an der Seine zu sehen ist. Kurator Cédric Morisset will die Kunst der Bezugnahme, der jüngeren Designergeneration vorstellen, programmatischer Titel: Design Reference Paris (bis 4.11., Di-So 10-18, Mi 12-20 Uhr). Die kompakte, als ABC des Neuen Pariser Designs gegliederte Schau schlägt einen thematischen Bogen von A wie Archetyp – eine Neon-Leseleuchte von Laurence Brabant – bis Z wie Zen: Dafür steht ein Porzellanhocker von Philippe Starck, dem bekanntesten Vertreter des Neuen Designs. Stirnrunzeln löst die These aus, Starcks Lampe „Lounge Gun“ habe etwas mit P wie Politik zu tun, weil der mattgoldene Ständer wie ein Maschinengewehr geformt ist. Formschön sind die Nussnougatcreme-Streichmesser von Patrick Jouin, buntes Erwachsenenspielzeug hat Marine Peyre entworfen. Nach ihrem Set „Sex to enjoy“ scheint auch Theodor Fontane einen verstohlenen Seitenblick zu werfen. Jens Hinrichsen

 

THEATER

Brutalinski

und Naivchen

Wenn nichts mehr geht, hilft nur noch der Süden. Eben hat man noch eine Bank überfallen und dabei einen Angestellten umgeschossen. Jetzt versteckt man sich vor den Fahndungsplakaten in einer Waschküche und löffelt Fünfminuten-Terrine. Da knipst Kolibri, das Mädchen aus gutem Hause, die letzte Illusion an: „Du bringst mich in den Süden, nicht wahr?“ – „Ich hab’s dir versprochen“, sagt Adler, der Terrorist. Auch Terroristen haben Tui-Träume. Bad Kleinen hat Daniel Call sein Stück genannt, nach dem Ort, an dem 1993 bei einer Festnahme ein GSG-9-Beamter und der Terrorist Wolfgang Grams ums Leben kamen (heute und am 20., 24., 26., 31.10., sowie am 2., 3., 7., 9. und 10.11.). Der Titel ist das einzig Effekthascherische an Calls Kammerspiel über Ohnmacht und linke Floskeln. Die beiden tollen über den Abenteuerspielplatz ,revolutionärer Kampf’ – bis die Konsequenz ihrer Taten ihnen schließlich die Luft abdrückt. Von Poesie kann in der Regie von Stefan Neugebauer im Stadtbad Steglitz keine Rede sein. Er inszeniert das Stück als prosaische Beziehungshölle, in der Folke Paulsen den Adler als widerlichen Brutalinski gibt, der gern auf das Naivchen Kolibri (Birgit Pelz) einschlägt. Leider versinkt bei der rohen Figurenzeichnung die fragwürdige Voraussetzung des Stückes vollends in der Unglaubwürdigkeit: die blinde Liebe des Mädchens zu ihrem monströsen Supermann. Andreas Schäfer

 

KLASSIK

Blasen

und Klappern

Wenn Abordnungen großer Symphonieorchester sich sogenannten „Harmoniemusiken“ für Bläser widmen, so ist, gerade auf CD-Einspielungen, eine glatte und ruhige Klangoberfläche zu erwarten, die langweilig klingen kann. Bei Konzerten mit historischen Blasinstrumenten dagegen wenden sich Holz und Blech, Klappen und Mundstücke mit ihren Eigengeräuschen gegen das musikindustrielle Ideal des Mischklangs. Ein bisschen Klappern gehört dazu – und dennoch: Vom Bläserensemble der Akademie für Alte Musik Berlin hätte man an diesem Abend im kleinen Saal des Konzerthauses mehr an klanglicher Sensibilität erwartet. Die waren etwa bei den Bläserarrangements aus „Figaro“ und „Don Giovanni“ schon deswegen erforderlich, weil diese Opernnummern jeder kennt. In den virtuosen Läufen der „Figaro“-Ouvertüre bleibt eine verhuschte Linie nicht ohne hörbare Folgen. Auch der Moderator sorgte nicht für Toleranz gegenüber solchen Laxheiten, als er den Abend als „Operngala“ ankündigte, aber die historischen Instrumente nicht erwähnte. Erst in Mozarts Bläserserenade Es-Dur KV 375 wurde die fehlende Balance durch ein klangliches Konzept abgelöst. Matthias Nöther

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