Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Nebel über

der Moldau

„Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich tschechisch weder ordentlich zu sprechen noch zu schreiben vermag.“ Das gestand Friedrich Smetana, deutschsprachig aufgewachsen, als man ihn schon als Nationalkomponisten feierte. Hat er überhaupt „tschechisch“ komponiert? Sein Zyklus „Mein Vaterland“ feiert Mythen, Helden, Wälder und Flüsse der Heimat mit den Methoden von Wagner und Liszt, die schwächsten Stücke sind ausgerechnet die dezidiert patriotischen Ecksätze. Zumindest, wenn man in ihnen nur den großen Bogen, den großen Klang anstrebt wie Jiÿí Bÿlohlávek mit den Berliner Philharmonikern. Das „siegesentschlossene“ Finale ist wohl nicht zu retten, wohl aber „Vyšehrad“, das mythenreiche Portalwerk. Da wären Risse in den Burgruinen, während der Nebel sich erst nach der „Moldau“ lichtet. Die Amazone „Šárka“ metzelt höchst subtil, umrankt von traumhaft klagenden Klarinettensoli. Aber die Programmatik ist nebensächlich; in der Philharmonie entdeckt man Smetana als raffinierten Konstrukteur. Die rhythmische Präzision entspricht dem Rang des Orchesters, ebenso die klare Intonation der Fuge in „Böhmens Hain und Flur“. Gern würde man sich tiefer in diese Wälder begeben, als es das Anfangstempo des Dirigenten zulässt. Um so spannender, wie das wuchernde Naturthema am Ende skelettiert wird und der Komponist dem Patrioten gleichsam die Blätter von den Bäumen reißt. Volker Hagedorn

POP

Hämmer

aus Maryland

Das Kollektiv ist ein Trio: Ohne ihren Gitarristen Deakin treten Animal Collective aus Maryland im ausverkauften Festsaal Kreuzberg ihren Trip durch psychedelische Irrgärten an. Die Anhäufung elektronischer Klangerzeuger, die Geologist auf einer Holzplatte aufgebaut hat, erinnert an eine Versuchsanordnung aus dem Physiklabor. Mit seinem Stirnlämpchen wirkt er wie ein Mad Scientist, der sich zu den hämmernden, brummenden und fiependen Tonschleifen seiner Apparaturen in Trancezustände deliriert. An einer kleineren Synthiekonsole schraubt Panda Bear herum, wenn er nicht gerade auf sein Standschlagzeug eindrischt. Sänger Avey Tare hüpft ums Mikro herum, zieht die Melodielinien in die Länge und intoniert zwischen Kopfstimme und Mittellagen. Die schon auf Platte krautigen Songs wuchern zu drei halbstündigen, dornig collagierten Dickichten, an deren Ende das geschüttelte Publikum in Jubel ausbricht. So einen irrwitzigen Mix von tribalistischem Getrommel über Flower-Power bis zu Technobässen findet man nirgendwo sonst. Jörg Wunder

KLASSIK

Legenden

aus Böhmen

Was kann mit slawischer Romantik schon schiefgehen! Ein ungeniert populäres Programm beschert dem Rundfunk Sinfonieorchester Berlin und seinem Chef Marek Janowski eine volle Philharmonie und ein beifallsfreudiges Publikum. Doch bürgt das für künstlerisches Glück? Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmila“ ist ein Anlass Präzision zu demonstrieren. Keine Wünsche bleiben offen bei Antonín Dvoráks achter Sinfonie in G-Dur. Die Stimmungsumschwünge im ersten Satz, der warme Legendenton der Celli und Bratschen, das rhythmisch prägnante Streichergeflecht der Mittelstimmen – das alles entfaltet sich in einer lebendigen Interpretation. Die Zügel kann Janowski lockerer lassen; stets finden seine Musiker das Maß zwischen auftrumpfender Gebärde und Zurückhaltung. Das Paradepferd des Abends, Tschaikowskys umjubeltes Klavierkonzert Nr. 1, könnte davon einiges gebrauchen, wie auch mit dem Solisten Alexei Volodin keine Einmütigkeit entsteht. Hart packt der 30-jährige Russe zu und kommt doch im Kopfsatz nicht voran: Der langsame Walzer tritt auf der Stelle. Was sich als grundsolide Technik erweist, entfaltet nur selten Poesie und die Leichtigkeit, die doch Virtuosität erst ausmacht. So zerfällt das Werk in – immerhin – „schöne Stellen“. Isabel Herzfeld

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