Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Bilder

klagen an

Kein Ehrenplatz wurde für den Maler und Grafiker Otto Nagel (1894-1967) nach der Wende reserviert – im Gegensatz zu seinen Weggefährten Heinrich Zille und Käthe Kollwitz. Kaum wurden Nagels Bildnisse des Berliner Proletariats in Sonderausstellungen gewürdigt, 1990 schloss das Otto-Nagel-Haus, demnächst weicht die nach ihm benannte kommunale Galerie dem Aktenlager des Bezirksamts Wedding. Immerhin kündigt die Akademie der Künste für das Frühjahr 2008 eine große Retrospektive ihres früheren Präsidenten an – und widmet ihm im 40. Todesjahr ein Archiv-Schaufenster am Pariser Platz (bis 4. 11., Di-So 11-20 Uhr). Drei Vitrinen mit Briefen und Fotodokumenten geben einen ersten Eindruck vom umfangreichen Otto-Nagel-Archiv, das die Akademie jüngst erworben hat. Schlaglichter vor allem auf den Kulturpolitiker: 1918 tritt er in die KPD ein und organisiert 1924 die „Erste Allgemeine Deutsche Kunstausstellung“, bringt sie nach Moskau und Leningrad. Nach 1945 besetzt er Schlüsselstellungen in allen zentralen Kulturinstitutionen der DDR.

Als sozialkritischer Künstler erlangte er vor allem in den zwanziger Jahren Bedeutung „Das Elend, das er sah und sieht, hat ihn zum Maler gemacht – er klagt an“, würdigte Heinrich Zille den Kollegen; der Text wurde für die Eröffnungssequenz des Zille-Milieudramas „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) verwendet. Der Stummfilmklassiker (Regie: Phil Jutzi, künstlerische Beratung: Nagel und Kollwitz) wird am Sonntag im Rahmen einer Otto-Nagel-Matinee mit Klavierbegleitung aufgeführt. Außerdem stehen Selbstzeugnisse von Nagel auf dem Vortragsprogramm, erinnert sich Wieland Förster an den Künstler und Kulturfunktionär (Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, am 21.11., 11 Uhr). Jens Hinrichsen

KLASSIK

Nicht nur der

Schülerschreck

Am Anfang steht Skepsis. Ein neues Czerny-Bild soll zum 150. Todestag geschaffen werden und dann spielen die Stipendiaten der Orchester-Akademie der Philharmoniker im Curt-Sachs-Saal eine Serenade, die mit ihren aufdringlichen Variationen fatal an die serielle Reproduktion der Czerny’schen Klavieretüden erinnert, die ihn zum Schülerschreck gemacht haben. Aber das Blutvolle, das Strawinsky an Carl Czerny geschätzt haben soll, wird doch noch deutlich, vor allem im postumen Streichquartett d-Moll. Nicht immer atmen die jungen Musiker gemeinsam, manchmal drängeln sich die einzelnen Instrumente nach dem Motto ,Jetzt bin ich dran’ lautstark in den Vordergrund. Aber an Kleinigkeiten wie einer kurzen Zäsur im Finale des ersten Satzes oder einer wunderschönen Melodielinie für die erste Geige (geschmeidig: Elisabeth Dingstad) im Adagio schimmert auf, dass der Beethoven-Schüler Czerny ein einfühlsamer Komponist war, der nicht nur pädagogische Werke oder Werke im brillanten (sprich: oberflächlichen) Stil geschrieben hat. Sondern auch Orchester,- Kirchen- und Kammermusik, von der er wusste, dass es keinen unmittelbaren Aufführungsanlass geben würde.

Viele dieser Arbeiten wurden nicht publiziert oder sind verloren gegangen. Auf dem parallel veranstalteten wissenschaftlichen Kongress erfährt man, dass Czerny nicht entschlossen genug war, den künstlerischen Weg ganz zu gehen. Heute würde man ihn ein Weichei nennen. (Ausstellung im Musikinstrumentemuseum bis 26. Januar, Konzert mit Czerny-Liedern heute, 12.30 Uhr im Curt-Sachs-Saal). Udo Badelt

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