Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Alles

fließt

Eric Taylor ist ein Baum von einem Kerl. Groß, breit, massiv. Über einer hohen Stirn wellig graumeliertes Haar. Weißer Bart unterm kräftigen Kinn. Fast ein bisschen scheu steht er da mit seiner Akustikgitarre und singt mit trocken-knarzigem Bariton: „Where I lead me, I will travel. Where I need me, I will call me. I’m no fool, I’ll be ready ...“ Und zeigt mit Worten des großen Townes Van Zandt die Richtung an. Dass er kein Idiot ist, spürt man sofort. Der Texaner ist bereit, die Zuhörer im ausverkauften Berlin Guitars mitzunehmen, reinzuziehen in seine wunderbaren Geschichten. Und man folgt ihm mit Vergnügen, lässt sich treiben durch lange ruhige Passagen und kräftige Turbulenzen, flüssiges Fingerpicking mit knallig hartem Anschlag. Während Matthias Schneider dazu auf einer alten Silvertone mit Bottleneck metallisch zerrt oder eine Lapsteel schreien und weinen lässt. Und immer wieder Geschichten: in den Songs, zwischen den Songs, oder als Spoken Word, unterlegt mit dunklen Akkorden. Alles ist Poesie bei Taylor, auch die Ansagen, alles fließt ineinander zu einem langen Monolog. Familiengeschichten. Männergeschichten. Frauengeschichten. Texas. New York. England. Und dieser Chauffeur, wie hieß der noch? Der von all den Berühmtheiten erzählt, für die er gearbeitet hat: James Dean, Charlie Chaplin, Marilyn Monroe. Traurige Geschichten. Lustige Geschichten. Unglaubliche Geschichten. Taylor schwört, sie seien alle wahr. H.P. Daniels

KUNST

Männer

im Schnee

Eine Kurtisane liest der anderen aus einem Buch vor. Die kostbar gekleideten Damen auf der Gedichtsammlung „Spiegel schöner Frauen aus den Grünen Häusern“ gab es wirklich. Von den Freudenhäusern in Edo (heute Tokio) wurden derart werbeträchtige Druckwerke sogar mitfinanziert und an besondere Kunden verschenkt. Unter dem Titel Aufgeschlagen und Umgeblättert präsentiert das Museum für Asiatische Kunst Bücher von vier Künstlern der späten Tokugawa-Zeit, den Jahren um 1800 (Lansstraße 8, bis 13. 12., Di-Fr 10-18, Sa-So 11-18 Uhr).

Katsukawa Shunchô stellt im „Bilderbuch eines prosperierenden Haushalts“ die wichtigsten Szenen im Leben der Japanerin dar. Heute eher befremdlich: Das Schwärzen der Zähne, bei dem der Hausherrin sieben Dienerinnen assistieren, war Attribut der verheirateten Frau. Andere Alltagssituationen und ein traumhaft schönes „Bilderbuch der Silberwelt“ – gemeint ist die verschneite Landschaft – bietet der neben Hokusai berühmteste japanische Holzschnittmeister Kitagawa Utamaro. Eine Flusslandschaft im Schnee, in der zwei Männer ein Boot ziehen, glänzt in Silbertönen. Daneben eine Innenszene: Während es draußen dicke Flocken schneit, wird drinnen im Teehaus gefeiert. Absichtlich ließ Utamaro den Druckstock verrutschen, damit die Schatten der Gäste hinter einem Wandschirm unscharf erscheinen. Jens Hinrichsen

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