Kultur : KURZ & KRITISCH

Sebastian Leber

POP

Geröllwüsten, Sirenen

und ein paar Islandponys zu viel

Wenn Hörsturz, dann bitte genau hier. Die übersteuerten, verzerrten Gitarren, die Streicher, die Kopfstimme von Jónsi Birgisson. Das ist kein Klanggewitter, das ist ein Inferno. Dazu Staccato-Lichtblitze. „Popplagið“ heißt das Stück, das ist isländisch und bedeutet „Der Popsong“. Was für eine Irreführung. Und wie schade, dass sich alles nur auf der Leinwand abspielt. Der Admiralspalast ausverkauft, Sigur Rós, die Rockbiz-Verweigerer aus Reykjavík, haben eingeladen, um ihren Konzertfilm „Heima“ vorzustellen. Der wurde 2006 während einer Tour durch Island aufgenommen; Heima heißt „zu Hause“. Sigur Rós haben sich als Filmkulissen für ihre Acht- Minuten-Hymnen unwirkliche Orte ausgesucht: eine Geröllwüste, eine Lichtung im Wald, eine stillgelegte Fischfabrik. Irgendwann galoppieren wild Ponys durchs Bild, da kippt es ins Kitschige, fehlen nur noch tanzende Feenwesen. Aber die kann man in der Musik der Band ihr Unwesen treiben hören. Das Publikum ist jedenfalls ergriffen, manche klatschen nach Songs, als wären sie live dabei. Ganz kurz sind sie es: Zu Beginn spielt die Gruppe ein knappes Unplugged-Set, das wühlt auch auf. Aber nur, weil Birgissons Sirenengesänge keine elektrische Verstärkung brauchen. Sebastian Leber

KLASSIK

Brüder

im Geiste

Wenn der Bariton Thomas Quasthoff und der Tenor Michael Schade das Podium des Kammermusiksaals für einen Liederabend gemeinsam betreten, kann man sicher sein, dass es nicht bloß ihre von Künstleragenturen genutzte Sängerprominenz ist, die sie dort zusammenführt. Nein, diese beiden Kunstliedspezialisten vereint ein bestimmter Gestus liedhaften Singens. Hier der stets augenzwinkernde, souverän Spiel und Ernst zusammenbringende Quasthoff, dort der in die vokale Linie versunkene, jedem seiner schlanken Töne nachhorchende Schade.

Schon mit ihren Eröffnungsduetten, episch dahinfließenden Herbstliedern Felix Mendelssohn-Bartholdys (op. 63), offenbaren sie bei sorgfältigster Abstimmung von Klang, Agogik und expressiver Grundhaltung noch so viel Eigencharakteristik der Stimmen, dass die folgenden Solonummern dieses Eigene nur noch bestätigen: Schades Stimme entfaltet hier gänzlich seine Palette von extrem kontrollierten einzelnen Pianissimo-Silben in Mozarts „Veilchen“ bis zum silbrigen und doch runden Forte in Schumanns „Mondnacht“. In den Liedern nach der Pause kombiniert Quasthoff dann seine viel gerühmte sängerische Textbehandlung mit Brahms’ herbstlich-dunklen Klangfarben. Mit einem Wiener Lieder-Medley von Conradin Kreutzer bis Robert Stolz, bei dem Quasthoff den Wiener und den Berliner Slang ziemlich virtuos aufeinandertreffen ließ, endete der Abend (am Klavier: Justus Zeyen) mehr als launig. Matthias Nöther

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben