Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Schmelz

statt Schmalz

Als Richard Hawley noch Gitarrist der Britpopgruppe Pulp war, trug er einen Britpopmobtop. Heute kommt er mit Buddyhollytolle und kleiner Buddyhollybrille. Schwarzgehemdet, schwarze Koteletten. Und singt im rappelvollen Quasimodo den ersten Song vom neuen Album „Lady's Bridge“: „Hold me in your arms may they keep me. Sing me a lullaby ’cause I'm sleepy. I'm scared you don't need me anymore.“ Ein trauriges Lied mit Anleihen bei Roy Orbison. Aber es ist nicht geklaut, eher ausgeliehen, liebevoll weiterverwendet. Auf Platte wie im Konzert verwendet er stimmliche Vorlagen der größten Rock ’n’ Roll-Crooner Orbison, Presley, Cash, verbindet 50er- und 60er-Jahre-Pop mit der Gegenwart. Everly Brothers, Eddie Cochran, Walker Brothers und ein Elvis Costello. Setzt deren Melodien neu zusammen und macht daraus zeitlos schöne Hawley-Musik. Mit einem Schmelz, der kein Schmalz ist, trägt er einen zurück in die Beatschuppen der frühen 60er, wo nach Mitternacht nur noch die ruhigen Nummern gespielt wurden, zum Engtanzen. Keine einstudierte Pose, keine gespielte Rolle. „Are you enjoying yourself?“ fragt Hawley. Tosende Zustimmung von den Fans. Yes, indeed! H.P. Daniels

KLASSIK

Melodien

für Meditationen

Hoppla: Fast hätte man die Tempelritter mit den Türken verwechselt. Denn so kehlig-körnig verziert, wie Marcel Pérès’ Ensemble Organum im Kammermusiksaal die Antiphon „Crucem Sanctam“ anstimmt, könnte der Hörer glatt auf einen Muezin tippen. Auch der Kenner, der nie verstanden hat, was man im Mittelalter an endloser einstimmiger Musik fand und entsetzt war, wie man sich im Zeitalter des Kathedralenbaus mit wenigen, aus Quinten, Quarten und Oktaven zusammengezimmerten mehrstimmigen Stücken begnügen konnte, konnte hier seine Aha-Erlebnisse haben. Denn Pérès hat wie kein anderer lebendige archaische Aufführungstraditionen studiert und mit genau recherchierten Quellen die im 19. Jahrhundert rigoros gereinigten Aufführungstradition des „gregorianischen Chorals“ hinterfragt. Bei der Eröffnung der Alla Turca-Konzertreihe der Berliner Philharmoniker hört man plötzlich, wie sich im 12. Jahrhundert ein überfeinertes orientalisches Melodie- und Verzierungsdenken und nordisch geprägte Meditationstechniken zu etwas Neuem verbinden: Da vibrieren die Kehlen, knistern die Obertöne, erzeugen die mächtigen Schwingungen perfekter Konsonanzen ein ganzkörperliches Harmoniegefühl. Der Übergang zum Galata Mevlevî Ensemble Istanbul wirkt da nicht als Bruch, sondern als eine andere Variation von Musik als Ritual. Carsten Niemann

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