Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Freundschaftsspiel

mit Neonazis

Schon zu DDR-Zeiten konnte niemand diesen Verein leiden, er galt als Stasi-Club aus Hohenschönhausen. Seit der Wende ist der BFC Dynamo Berlin für etwas anderes berüchtigt: eine Anhängerschaft aus Hooligans und Neofaschisten. Die Dokumentar-Regisseurin Gudrun Herrbold hat für das Kinder- und Jugendtheater an der Parkaue ein Projekt mit jungen Spielern und Fans des BFC erarbeitet: Dynamoland (wieder am 26. und 27.10.). Es nehmen Aufstellung: Jugendspieler die vom identitätsstiftenden Gefühl der Ausgrenzung berichten; der Autor Andreas Gläser, ehemals Schreiber für das Fanzine „Der Zonen-Zombie“. Und Sven Friedrich, Gründer des Ost-Labels „Hoolywood – Gegenwear“, der seine T-Shirt-Sprüche à la „Marxismus – Hooliganismus“ bewirbt und über seinen Mix aus Links-Rechts-Symbolik sagt: „Mit diesem Durcheinander kann man provozieren!“ Herrbold hakt nicht nach, wohl weil es den Freundschaftsspiel-Charakter des harmlosen Abends stören würde. Patrick Wildermann

KLASSIK

Der Schwung

Anatoliens

Mitten in der Aufführung seines Klavierkonzerts greift der türkische Solist Fazil Say in den Rahmen des Steinway und umklammert die Saiten, so dass dem Flügel die Klänge einer nahöstliche Laute zu entsteigen scheinen. Echte orientalische Instrumente fehlen zunächst an diesem Abend, mit dem die ROC ihre Konzertreihe Klangkulturen eröffnet. Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt Says nettes Klavierkonzert mit dem Titel Silence of Anatolia mit deutschem, romantischem Klang daran ändert auch das Dirigat von Ibrahim Yazici nichts. Erst mit dem 14-köpfigen Ensemble des Konservatoriums für Türkische Musik aus Kreuzberg halten Darbuka-Trommel und Oud, eine Kurzhalslaute, in der Philharmonie Einzug. Die Musik besteht aus Bewegung bleibt ohne Effekte, aber auch ohne Höhepunkte. Anders bei der Suite Alla turca, geschrieben von Konservatoriumsgründer Nuri Karademirli. Hier gibt es Tanz und Schwung. Die deutschen Besucher bekommen eine Ahnung von anderen Traditionen, während die größte Minderheit Berlins, die auch im Publikum gut vertreten ist, mit ihren Kultur an diesem Ort ernst genommen wird. Udo Badelt

OPER

Verrückter

Ritter

Das Leben ist eine Zumutung. Nur eine Stunde hat der Blonde Eckbert im Saalbau Neukölln, die Wahrheit über seine Frau zu erfahren, einen Freund zu töten und Ordnung in sein Inneres zu bringen. Das Dreamteam der Berliner Kammeroper (Dirigat Brynmor Jones, Regie Kay Kuntze) glänzt durch eine detailreiche Inszenierung zur Musik von Judith Weir (wieder heute, 27., 30.10., 20 Uhr). Vielseitig ist das Bühnenbild (Frank Michael Zeidler), belebt von Mezzosopran Sarah Yorke. In der englischsprachigen „Pocket Version“ wird die Bühnenvielfalt dem Ludwig Tiecks Märchen entsprungenen Ritter Eckbert zum Verhängnis. Regina Jakobi gibt mit Innigkeit die Ehefrau und Michael Berner mahnt in wechselnden Rollen mit lyrischem Tenor. Doch Eckbert alias Kai-Uwe Fahnert steht im Märchenwald vor Bäumen. Der Ritter verliert den Verstand und der sonst lebendige Bariton seine Charakterschärfe. Paul Bräuer

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