Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Mahler

is it?

Es ist immer wieder die reine Freude, diesem Orchester bei der Arbeit zuzusehen: Wie der philharmonische Soloflötist Emmanuel Pahud von Radek Baborak, dem philharmonischen Solohornisten, im ersten Satz von Mahlers Neunter förmlich jeden einzelnen Ansatz und Ton erheischt und erhascht – mit Blicken, Stirnkräuseln, verschmitztem Grinsen; wie Albrecht Meyer und Karlheinz Steffens sich in der Philharmonie kurzerhand zum Zweierbob aus Oboe und Klarinette zusammentun, im täppisch-eckigen Gestus des zweiten, im Marktgeschrei des dritten Satzes; oder wie Carrie Dennies entzückend offene Miene am ersten Bratschenpult förmlich den ganzen langen Abend mitstenografiert. Nichts auf der Welt ist ungefähr, sagt das philharmonische Ethos, jeder Sechzehntelnotenhals verlangt und verdient unsere volle heiße Hingabe. Ein Fest von Profis, mit dem die Philharmoniker in einem Sonderkonzert Ende August die Saison bereits eröffneten (noch einmal heute, 20 Uhr).

Dass der Abend einen nach zweieinhalb Stunden dennoch satt und hungrig zugleich entlässt, kennt zwei Gründe. Der erste heißt Magnus Lindberg, ist 49, Schwede und Komponist und hat den Philharmonikern mit „An die Sonne“ ein ebenso schwartig instrumentiertes wie zuckrig kandiertes Auftragswerk beschert. Alle kommen hier hübsch der Reihe nach mal dran – und alle hauen im Schutz der Fettlebe und im Eifer des Gefechts ein bisschen daneben (Ausnahme: Ludwig Quandt am Solocello). Halbstündiges Rätselraten, gemessener Beifall. Dann Mahlers Neunte – der zweite Grund. Immer wieder kurvt der hoch angespannte Simon Rattle hier mit dem Elektronenmikroskop durch die Partitur, kultiviert im Kopfsatz die hohe Schule der Holzbläser und im Ländler alle Müdigkeit der Welt, lässt in der Burleske kräftig zündeln und im Adagio-Finale von Anfang an mehr Sehnen als Nerven zucken. Ein Gesicht, ein Eigengewicht, eine Geschichte oder gar: ein Lot aber kennt diese Musik nicht. Sie freut einen nicht, sie schmerzt einen nicht, sie tanzt nicht auf dem Vulkan, sondern in sicherer Ebene, und selbst die Streicherflageoletts, in denen das Ganze so furchtbar erstirbt, kommen einem noch kunstreich vor. Und wenn da vorne dieses fabelhafte Orchester nicht säße, man würde sich gewiss viel früher fragen: Mahler is it? Christine Lemke-Matwey

ROCK

Wildes

Ding

Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, weiße Haare, Brille, tiefgehängte Gibson-Akustikgitarre. Entspannt und lässig, fast unauffällig zurückhaltend kommt der 67-jährige New Yorker Chip Taylor auf die Quasimodo-Bühne, singt mit altersgelassener Stimme, die ein bisschen an Kris Kristofferson erinnert. Schafft mit seinem tiefen Country-Bariton eine familiäre Atmosphäre, als säße man im Wohnzimmer eines alten Bekannten, und erzählt Geschichten aus seinem erstaunlichen Leben. Dass er Golfer war, bevor er anfing Songs zu schreiben, die von Chet Atkins, Janis Joplin, Frank Sinatra, Johnny Cash und anderen aufgenommen wurden. Dass er professioneller Glückspieler war und erst in den Neunzigern zur Musik zurückgefunden hat. Er wird begleitet von der exquisiten Train Wreck Revue: neben Bass und Besenschlagzeug strahlt die 22-jährige Fiddlerin Kendal Carson aus Kanada, singt ein paar Songs von ihrem Debütalbum, zauberhafte Duette mit Taylor, die an die musikalische Liaison der jungen Emmylou Harris mit Gram Parsons erinnern. Zwischendrin rückt Taylor John Platania ins Licht, der mit seinem Stratocaster-Sound und klirrenden Akkorden für lange Zeit die Band Van Morrisons geprägt hatte. Surf-Sounds, Wimmerhaken, Bottleneck. Und schließlich wieder Taylor mit den Songs, die so viel bekannter geworden sind als er selbst: „Angel Of The Morning“, kürzlich noch einmal ein Hit in neuer Version von Shaggy. Und der Song, der gar nicht ins Country-Konzept zu passen schien, aber 1966 ein Millionenseller für die englischen Troggs wurde: „Wild Thing“. H.P. Daniels

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