Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

POP

Die Energie von Mexiko

und der Charme von Frankreich

Manu Chao ist nicht nur eine der ungewöhnlichsten Gestalten des globalen Musikgeschäfts. Er gibt auch die verrücktesten Konzerte. Noch Minuten nach einem zweistündigen Musikgalopp tobt die ausverkaufte Arena. Schon nach einer halben Stunde waren Zuschauer auf Händen durchs Publikum getragen worden. Es geht zu wie auf einem Konzert in Caracas oder Mexico City. Und tatsächlich: Als Chao „la raza latina presente“ grüßt, grüßt die halbe Halle zurück. „Me gustas tu!“ – „Du gefällst mir!“, schallt es dem Iberofranzosen beim gleichnamigen Titel entgegen. Der 46-Jährige wird gefeiert, weil er kein Star sein will, weil er sich engagiert, ohne darüber zu reden: etwa wenn er „Radio Colifata“ unterstützt, einen Radiosender, der von psychisch Kranken in Buenos Aires gemacht wird. Oder weil er eine Mexikanerin auf die Bühne holt, die Freiheit für alle politischen Gefangenen fordert. Und natürlich weil er ein perfekter Livemusiker ist. Mit rotem Stirnband, offener weißer Weste und seiner fünfköpfigen Band „Radio Bemba“ spielt Chao eigentlich nur einen einzigen langen Song. Er besteht aus einem breiten Repertoire an Stilen: Vom groovigen Reggae wird urplötzlich in einen pulsierenden Punk gewechselt, dann in tränentreibende Volkslieder mit spanischer Gitarre. Chao sing in vier Sprachen über Flüchtlinge, Prostituierte, Lügen und Kriege und widmet seinem neuen Kumpel Diego Maradona den Song „ La vida tómbola“. Bei einer der vier Zugaben schlägt Chao sich sekundenlang mit dem Mikro auf die linke Brust. Vielleicht hat er nun auch Berlin ins Herz geschlossen, wo es ihm nach eigener Auskunft eigentlich zu kalt ist. Philipp Lichterbeck

POP

Die Rauheit von Glasgow

und die Glätte von Las Vegas

Alles pünktlich in der Max-Schmeling- Halle. Kurz vor acht, kleiner lustiger Vorfilm „The Rodfather starring Rod Stewart“, und da ist er schon höchstpersönlich. „Some Guys Have All The Luck“, der alte Charmeur, „This Old Heart Of Mine“, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarzer Schlips, „You Wear It Well“, Frauen schmachten, „It's A Heartache“. Rod giggelt und gockelt über die Bühne, klopft sich aufs Herz, „Rhythm Of My Heart“. „Downtown Train“. Ein Fan hat dem Modelleisenbahnsammler eine Lokomotive auf die Bühne gelegt. Rod ist sichtlich gerührt. Verschwindet während des Schlagzeugsolos zum Garderobenwechsel. Kehrt schwarzhemdsärmelig zurück, zeigt ein paar Fotos aus dem Familienalbum auf Großleinwand: „Father And Son“. Bewegend die Bilder von Rods Vater, seinen eigenen Söhnen, zum Song von Cat Stevens. Und in der Stimme schimmert ein bisschen der alte Rod Stewart durch, „Rod The Mod“ vor seiner Zeit als Jetsetliebling, als er noch einer der kreativsten Sänger der 60er und 70er Jahre war, mit Seele und Ideen, der Blues, Folk, Rock’n’Roll und Soul mischte in seinem gefühlvollen Phrasing mit einer bodenständigen Rauheit und Humor. Es war ein bisschen traurig, als er fast alles davon eingetauscht hatte gegen eine Massenkompatibilität mit dem Plastiksound von Disco und Synthie-Pop, der ihn zum „Megastar“ machte. Seine Platten wurden Massenware, wie Stewart heute selber eingesteht. Im Konzert ist es eine Gratwanderung zwischen glattgebügelter Las-Vegas-Show mit Sing- und Tanzmäusen, einer langhaarigen Violinistin, langbeinigen Saxofonistin, blonden Pedal-Steelerin, routiniert sterilen Gitarrensolos und dem alten burschikosen Charme, der Liebe für den Soul von Sam Cooke, frühere Folk-Elemente. Das Glanzlicht des Abends ist „Dirty Old Town“, Ewan McColls Folkballade von Stewarts erstem Soloalbum (1969), zu der er selbst Akustikgitarre spielt und begleitet wird von Akkordeon, Banjo und Geige. Rod besingt seinen Lieblingsfußballclub Celtic Glasgow und kommt schließlich doch nicht vorbei am elenden „Do You Think I’m Sexy?“. Natürlich ist er sexy, auch mit 62 noch, aber singen müsste er’s nicht. Besser dann wieder „Sailing“ und „Twisting The Night Away“. Nächstes Jahr will Rod Stewart ein Dauerengagement in Las Vegas beginnen. Ein bisschen schade ist das schon. H. P. Daniels

JAZZ

Das Lächeln Asiens und

die Stimmen des Orients

Dhafer Youssef ist der jüngste Muezzin des Oriental Jazz, ein virtuoser Tüftler in Sachen improvisierter Musik. In der Schinkel-Kirche von Schloss Neuhardenberg trifft der Tunesier auf Nguyên Lê, den in Paris geborenen und aufgewachsenen vietnamesischen Gitarristen. Beide sind Nachbarn in der französischen Metropole, beide gehören zur ersten Riege des europäischen Jazz. Es ist das erste Mal, dass sie gemeinsam auftreten. Dhafer Youssef schlägt auf dem Oud, seiner bauchigen Knickhalslaute, ein arabeskes Thema an, seine hohe, ganz und gar nicht irdische Stimme, die Mund, Stirn- und Nebenhöhlen als Resonatoren einsetzt, kreist als Loop um den Altarraum. Youssef ist sein eigenes Effektgerät. Und Lê entwirft, zwischen E-Gitarre und Laptop, das Soundscape dazu: Klangbilder von bestechender Klarheit, eine meditative Performance.

Immer wieder aber treffen sich beide Musiker im Epizentrum des Rhythmus, es ist keine Kollision, sondern eine Kollusion aus feurigen Skalen, die in ihren besten Momenten wie der Teufel groovt. Wer Nguyên Lê live erlebt, weiß auf einmal, was selbst Luftgitarristen bisher gefehlt hat: das asiatische Lächeln. Lê entlockt seinem Instrument die Töne einer Wölbbrettzither oder gibt mit „Third Stone From The Sun“ eine furiose Hommage an Jimi Hendrix zum Besten, und Youssef gibt seine Stimme dazu. Ein solches Konzert, vor nur knapp hundert in Rage gebrachten Zuhörern, es ist wie ein Geschenk. Roman Rhode

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