Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Luftige

Schnörkel

Ist das der neue Schönklang-Magier? Eivind Gullberg Jensen schickt sich an, Lorin Maazel den Ehrentitel eines elegantissimo des Taktstocks streitig zu machen. Federnden Schritts strebt der attraktive Schwede, Jahrgang 1972, bei seinem Debüt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin am Sonntag aufs Podium der Philharmonie, eine elegante Erscheinung im stark taillierten Frack, kerzengerade gibt er den ersten Einsatz, um dann seine Energieströme mit XXL-Dirigentenstab und geschmeidigen Bewegungen an die Musiker weiterzugeben. Fast ballettös die Beinarbeit, die Linke braucht er kaum, so beredt ist die Körpersprache. Wie er die Schlussakkorde als Luftschnörkel ausmalt, das kündet von seinem Interpretationscredo: Hier ist alles Spiel, auch die zweite Sinfonie von Johannes Brahms: ein sonniger Herbsttag auf dem Lande, bei dem selbst der Schatten vorüberfliegender Wolken die heitere Grundstimmung nicht stören kann.

Effektsicher auch die Programmdisposition mit Dvoraks knalliger „Karneval“Konzertouvertüre als captatio benevolentiae, gefolgt von einer Uraufführung des Komponisten Leonardo Ballada, bei der die Besetzung – drei Solocelli und Orchester – allerdings das Originellste ist. Und dann, lang ersehnt, der Brahms: Das RSB lässt sich nur allzu gern von Eivind Gullberg Jensens romantischer Emphase mitreißen und verströmt sich in purer Klangsinnlichkeit. Frederik Hanssen

KLASSIK

Inneres

Glühen

Es gibt Menschen, die beim ersten öffentlichen Auftritt als Chef alles tun, um zu beeindrucken. Berauschende Reden schwingen etwa. Hans-Christoph Rademann ist anders. Der neue Chefdirigent des RIAS Kammerchors möchte bei seinem Debüt in der Philharmonie lieber mit Randständigem überzeugen, mit dem unaufgeregt Besonderen, mit geistlicher Musik von Antonio Vivaldi. Dieser galt lange als erdiger Weltenbürger ohne Hang zum Himmlischen. Bis 1926 in den Katakomben einer Turiner Hofkapelle ein Stapel Noten entdeckt wurde: Vivaldis sakrales Werk, ein musikalischer Schatz.

Schon im „Magnificat“ RV 611 zeigt sich, wie sehr der RIAS Kammerchor und die Akademie für Alte Musik miteinander verschmelzen und Rademann den Raum geben, den hohen Affektgehalt der spätbarocken Musik zwischen Liebe und Zorn, Zuversicht und Zerstörung auszuschöpfen. Besonders im doppelchörig angelegten „Dixit Dominus“ wechseln Chor- und Orchesterpassagen voller Spielfreude und Sprengkraft – mal homophon volltönend, mal polyphon ziseliert – mit besinnlichen Solo-Arien, in intimer Schlichtheit gestaltet von Johannette Zomer (Sopran) und Bogna Bartosz (Alt). Das „Beatus vir“ überlässt den Solisten den Vortritt, wie etwa im resoluten „Potens in terra“ der Bässe Henryk Böhm und Marek Rzepka oder im nachdenklichen Terzett „In memoria aeterna“ von Alt, Tenor (Colin Balzer) und Bass. Große Gefühlsstürme löst Rademann mit diesem Konzert eher nicht aus. Vielmehr ein geheimnisvoll inneres Glühen. Was vielleicht sogar beständiger ist als jeglicher musikalische Vollrausch. Dorte Eilers



KLASSIK

Garantiert

Kitsch

„Kein Haschen nach Originalität“ wird dem „Gebet einer Jungfrau“ nachgesagt, und es ist wohl dieses vernichtende Lob eines Geisteskopfes, das die Eignung des Salonstücks zur Weltberühmheit genial trifft. Frank Wedekind verbindet darin eines Mädchens Pein, noch Jungfrau zu sein, mit ihrem Ave-Maria-Beten um einen „braven Mann“, Scheidung nicht ausgeschlossen. Der seit dem Jahr 2000 erfolgreiche Philharmonische Salon des Cellisten und Literaturfreundes Götz Teutsch wird zu einem philosophischen Nachmittag im Kammermusiksaal, Thema diesmal: „Eine Liebeserklärung an den Kitsch“. Das zieht Parodie magisch an.

Und wer ist nicht entzückt, wenn Mavie Hörbiger die Seelenmimik des „Mimili“-Poeten Heinrich Clauren ausbreitet oder wenn Michael Maertens mit Wilhelm Busch kontert? So schmelzend trägt Saxofonist Manfred Preis seinen Edward Elgar vor, dass man weinen möchte, weil’s gar so schön ist. Neben der Pianistin Cordelia Höfer sind wieder erste Solisten der Philharmoniker dabei, angeführt von Daniel Stabrawa. „Winnetou ist ein Christ“: Dieser Satz des Apachen führte in meiner Karl-May-Vergangenheit zu Tränen. Heute antwortet Bach/Gounod. Ästhetische Werte werden ausgetrickst mit Konrad Paul Liessmann: „Warum der schlechte Geschmack der eigentlich gute ist.“ Sybill Mahlke

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