Kultur : KURZ & KRITISCH

Andreas Schäfer

THEATER

Von Liebe reden

können wir nicht

Wenn Thomas Bernhard der Autor war, der in den achtziger Jahren viele junge Autoren beeinflusste, dann war es in den späten Neunzigern der Amerikaner Raymond Carver, dessen Erzählungen der Berlin Verlag in neuer Übersetzung herausbrachte. Plötzlich liebten alle seine Erzählungen. Wegen ihrer wuchtigen Tristesse und ihrer ungeheuerlichen Knappheit. Wieso eigentlich noch Nebensätze schreiben, wenn man so viel Welt in Hauptsätze packen kann, die praktischerweise regelmäßig mit dem Wörtchen „dann“ anfangen? Eine Weile war Carver also in aller Munde, bis öffentlich die Mäkelei begann: Die erzählerische Effizienz habe auch eine Kehrseite, nämlich die Begrenztheit des beschriebenen Milieus.

Denn Carvers Erzählungen sind auch deshalb so kurz, weil sie wie herausgeschnitten scheinen aus dem ohnmächtigen Stillstand des immergleichen unteren Mittelstand-Lebens: Alkoholikervergangenheit, geschiedene Ehe, Kinder, die woanders leben, drohende Arbeitslosigkeit. Die Ur-Figur der Carver’schen Unbehaustheit steht am Fenster ihres Papphauses, glotzt in ihren Vorgarten, wo Möbel auf den Sperrmüll warten, und zieht in einer unendlich trostlosen Bewegung den über den Hüftknochen gerutschten Bund der Jeans wieder hoch.

Man könnte Carvers Erzählungen also sehr statisch auf die Bühne bringen, mit langen Pausen zwischen den Sätzen und viel Platz für Gottes pathetisches Schweigen. Man kann aber auch wie Sabine Auf der Heyde in der Box des Deutschen Theaters so tun, als habe man das Wort Lakonie noch nie gehört, und auf unterhaltsame Weise Carver trotzdem gerecht werden.

Bei Auf der Heyde wird nicht wenig, sondern ausgiebig geredet, etwa in der Szene „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“, bei der zwei befreundete Paare am Campingtisch Gin trinken, über die Liebe im Allgemeinen reden und dabei demonstrieren, dass es mit der Liebe im Besonderen nicht zum Besten bestellt ist. Lotte Ohm, Isabel Schosnig, Sven Lehmann und Thomas Schmidt versuchen mit kumpelhaften Floskeln, offenherziger Ruppigkeit und makabren Anekdoten den Abend zu retten, während durch die Maschen des Gesprächs kalt und immer deutlicher Carvers im Untergrund vor sich hinmahlende Vereinsamungsmaschinerie sichtbar wird.

Den Höhepunkt des kleinen Abends bildet die Erzählung „Elefant“, in der die abwesende Familie einem Mann das letzte Haar vom Kopf frisst. Ernst Stötzner ist dieser Namenlose, der nicht Nein sagen kann und deshalb permanent von seinem Sohn, seiner mit einem Idioten verheirateten Tochter und nun auch von seinem abgebrannten Bruder angebettelt wird. Stötzner sitzt im Sofa wie von den Umständen gefällt. Äußerlich bewegungslos, vollführt sein Inneres aber einen wahren Rechtfertigungseiertanz, um die Haut seiner Selbstachtung zu retten. Stötzner stottert, Stötzner erklärt, Stötzner schimpft – und winkt mit jedem seiner hanseatisch melancholischen Sätze doch immer nur ab. Denn natürlich ist sein Bemühen – wie meistens bei Carver – vergeblich.Andreas Schäfer

KLASSIK

Gedichte

brüllt man nicht

Zwanzig Jahre Barockmusik sind genug: Mit Macht zieht es Marc Minkowski zu den großen Romantikern. Statt Händel und Rameau zu spielen, dirigiert der Star der französischen Alte-Musik-Szene nun lieber die großen Sinfonieorchester. Wogegen erst mal nichts zu sagen ist. Denn auch ein Stück wie Schuberts Musik zum Schauspiel „Rosamunde, Fürstin von Zypern“ kann frischen Wind vertragen: Die einstündige Folge überwiegend lyrischer Intermezzi, Chöre und Romanzen braucht einen Sinnstifter am Pult, um den fehlenden szenischen Zusammenhang durch einen musikalischen Spannungsbogen zu ersetzen. Doch in der Philharmonie steht Minkowski seltsam hilflos vor dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem Ernst-Senff-Chor.

Nur die raschen Episoden lassen aufhorchen: Das Offenbach’sche Prickeln der „Zauberharfen“-Ouvertüre lässt ahnen, wie ein Schubert à la française im besten Fall klingen könnte. Doch immer, wenn Ausdruck durch Klang geschaffen werden muss, verfällt Minkowski in Lethargie: Aus falsch verstandener Empfindsamkeit dämpft er die Kantilenen der Holzbläser ab, versteckt den innigen Schubertton hinter kloßigen Tutti und einem klanglichen Grauschleier.

Ein Mentalitätsproblem? Vielleicht, denn zuvor, bei Ernest Chaussons Orchesterlied „Poème de l’amour et de la mer“ von 1892, war ja alles da gewesen: spätromantisches Flimmern und Rauschen, jene Mischung aus Opulenz und hellwacher Sinnlichkeit, die jede Wendung des Textes mit mimosenhafter Delikatesse registriert. Schade nur, dass Yvonne Naef auf diese Vorgabe nur mit den strammen Walkürentönen reagiert und die zartfühlenden Zeilen über rosenduftende Räusche und lilienbestäubte Tristesse zur französischen Brünnhildenszene umkrempelt. Gedichte aber brüllt man nicht. Jörg Königsdorf

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