Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Dunkel ist das Leben,

ist der Tod

Eine herbstliche Suite hat Simon Rattle rund ums Orchesterfest zum Philharmoniker-Jubiläum am 4. November arrangiert: das Spätwerk Gustav Mahlers in drei Programmen, jeweils mit einem zeitgenössischen Auftakt versehen. Das verströmt Selbstbewusstsein, ohne es sich bequem machen zu wollen. Die Philharmoniker präsentieren sich wunderbar angriffslustig – nur Rattles Zielkoordinaten scheinen merkwürdig neblig. Das liegt auch an der Herausforderung, Mahlers „Lied von der Erde“, das von den letzten Dingen singt, etwas Würdiges voranzustellen. Hier greifen die Berliner Philharmoniker auf ihre im Februar uraufgeführte Auftragsarbeit von Thomas Adès zurück. „Tevót“ faltet in den ersten Takten ein ungeheures Klangpanorama auf und zeigt, welche beinahe schon unheimliche Begabung der 36-jährige Brite besitzt. Der Magie, die ein großes Orchester verströmt, wird opulent gehuldigt. Doch was folgt, klingt so, als habe Adès den lange verschollenen Originalsoundtrack zu Kubricks „2001“ rekonstruiert. Unendliche, kalte, stumpfe Weiten.

So starten Rattle und seine Truppe ein bisschen ausgekühlt ins „Lied von der Erde“. Gepaart mit Ben Heppners steifem Tenor stellt sich im „Trinklied vom Jammer der Erde“ eine klamme Atmosphäre ein, in der Zeilen wie „Dunkel ist das Leben, ist der Tod“ dahin welken. Rattles lenkende Hand lahmt, wenn Heppner mit Siegfriedschen Hammerschwüngen in „Von der Schönheit“ über Pavillons aus Porzellan und Brücken aus Jade singt. Bleibt Thomas Quasthoff, ein dunkler Genießer, der jeden Ton mit unbedingtem Ausdruckwillen ansingt. Doch wie bei Rattles nur sporadisch gleißend aufflackernder Interpretation kommt auch bei Quasthoff der Fluss der Musik nach und nach zum erliegen. Beim „Abschied“ kaut er jede Silbe emphatisch, bis Mahler am Ende ganz ausgezuzelt ist. Zurück bleibt eine Pelle, deren Schicksal uns an diesem Abend leider Wurst ist. Ulrich Amling

OPER

Alceste ist

die Retterin

Sie weiß, dass sie allein das Opfer bringen muss. Alceste ist bereit, für ihren Mann zu sterben: „Ich!“ Regisseur Joachim Schlömer wirft das Wort „Ich“ in Versalien auf die Videowand seiner Blackbox.

Der zweite Abend, den das Konzerthausochester in seiner exzeptionellen Reihe „Gluck. Gluck. Gluck.“ aufbietet, bringt ein weit weniger vertrautes Werk als den „Orfeo“: Christoph Willibald Glucks Oper Alceste. Der Mut der Veranstalter zieht die italienische Fassung der französischen vor, die Urfassung also. Hier geht es eigentlich nur um zwei Empfindungen: Trauer und Schrecken und deren verlängerte Seelenpein, Todesbereitschaft und Abschiedsschmerz. Verschattet kommt kleine Freude auf.

Im Konzerthaus konzentrieren sich Musik und szenische Einrichtung auf dieses „Ich“. Eine Frauenoper. Der mythologische Gegenstand verhindert nicht, dass Beethovens Leonore herüberblickt, die aus zeitgenössischem Stoff ist. „Alceste“ verheißt „Fidelio“. Die Frau als Retterin. Hier wie da geht es um mehr als Gattenliebe: den Staat, das Sittliche, Erhebende.

Alceste errettet den schwerkranken König Admeto vor dem Tod, indem sie selbst an seiner Stelle zu sterben bereit ist. Höllenqualen für beide. Apoll, dessen Orakel das ganze Elend ausgelöst hat, schenkt ihr das Leben zurück.

Das Bühnenbild von Sascha Masur umfasst den ganzen Saal, darin der grandiose Rias-Kammerchor umherkletternd thessalisches Volk und Unterweltgötter darstellt. Modische Videomittel verbindet Schlömer mit Konzentration auf die Titelheldin. Christiane Oelze dominiert mit stimmlicher Präsenz bei knapper Gebärde. Als dramatische Tenorgestalt ist ihr der Admeto Dominik Wortigs ebenbürtig. Lothar Zagrosek gibt der Ouvertüre hyperaktiven Aufwind, imponiert aber auch als Koordinator des sehr motivierten Orchesters mit der Raumchoreografie. Einfache Melodik, viel Tempowechsel, „rührende“ Homophonie: In Schlömers Fazit führt höfische Oper in bürgerliches Familienglück. Das heißt zugleich Verfremdung, Vision, Zukunftsmusik. Sybill Mahlke

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