Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Mittendrin

und obenauf

Kurz vor zehn wird es dunkel in der Columbiahalle, der Vorhang öffnet sich, und da sind die Kaiser Chiefs schon mittendrin und obenauf: „Everything Is Average Nowadays“. Alles nur noch durchschnittlich heutzutage? Die Kaiser Chiefs haben Humor, ihnen geht es um die Musik, die Energie, den Spaß, die einfachen Wahrheiten: „Every Day I Love You Less And Less“, es ist der Trotz gegen Niederlagen und Zurückweisungen. Ein bisschen austoben, Lärm machen, zeigen, dass man sich nicht unterkriegen lässt.

Der jungenhafte Sänger Ricky Wilson legt sich mächtig ins Zeug, bereit, alles zu geben, die Fans mitzureißen. Macht den lässigen Roger-Daltrey-Mikrokabel-Lassodreher, peitscht seine Stimme vor Gitarre, Keyboards, Bass und Schlagzeug her, springt auf die Boxen. Die Band schiebt ihn mit Volldampf an, Led-Zeppelin-Riffs, Mod-Stil, Punk-Stakkato, alles durcheinandergewirbelt und draufgehauen, bis es passt. „Rubyrubyrubyruby“ singen die Fans aller Altersgruppen. Das ist klassisches britisches Rock ’n’ Roll-Entertainment, von der Band aus Leeds neu aufgelegt mit den Alben „Employment“ (2004) und „Yours Truly, Angry Mob“ (2007). Sie zelebrieren die Single-Hits „Na Na Na Na Nah“ und „I Predict A Riot“, dann schafft es Wilson, sich durch die übervolle Halle nach hinten zur Bar durchzuarbeiten, weiterzusingen, von der Theke wieder in die Menge zu springen und auf einem Meer wogender Arme bäuchlings zur Bühne zurückzuschwimmen. Immer noch ganz oben auf, und die Stimme heiser. Sympathisch! H.P. Daniels

THEATER

Klassenkampf?

Klassenausflug!

Sie sind ausgelassen wie eine Schulklasse auf Exkursion: Junge Leute, Schauspielstudenten der Ernst-Busch-Hochschule, erobern sich eine mit Umzugskartons vollgestellte Bühne. Im Studio des Maxim-Gorki- Theaters spielen sie die Geschichte vom Guten Menschen von Sezuan (wieder am 8., 13. und 19.11.). Bertolt Brecht hat sie im Januar 1941 nach vielen Plänen und Vorstudien aufgeschrieben. Ob die Welt bleiben kann, wie sie ist, „wenn genügend gute Menschen gefunden werden“, wollte Brecht wissen – und überließ die Antwort dem Zuschauer.

Die Schauspieler kennen sie natürlich, machen sich aber einen Spaß daraus, abenteuerdurstig mit Brechts dialektischen Kunststücken umzugehen. Sie haben Freude an Verkleidung, Musik, Tanz und Pantomime und bauen sich eine flüchtige, provisorische Welt aus Kartons (Bühne/Kostüme: Mareile Krettek). Regisseurin Uta Koschel holt Brechts bedeutungsschweres Stück aus den Behältern heraus, elf Darsteller übernehmen alle Rollen und führen auch Paul Dessaus komplexe Musik selbst auf. Eine gesellschaftskritische Durchleuchtung menschlichen Verhaltens findet nicht statt, stattdessen werden mit Staunen und Übermut Leute vorgestellt, die auch im scheinbar Bösen noch sympathisch erscheinen. Mit der Erkenntnis vom heillosen Zustand der in Klassen gespaltenen Welt geht das junge Ensemble ganz locker um. Und Katrin Röver als Shen Te/Shui Ta beginnt wie eine neu in die Klasse gekommene Schülerin – lächelnd, unschuldig, anmutig. Mit Benjamin Pauquet als Yang Sun gelingt ihr eine zauberhaft herbe Liebesszene: die poetisch ergreifende Anrufung von so etwas wie Glück. Christoph Funke

JAZZ

Afrika

ist überall

„Neue Heimat“ heißt der Titel der aktuellen Ausstellung in der Berlinischen Galerie, die auch das Total Music Meeting beheimatet. Darin stößt der Besucher zunächst auf „Crowd“, Eva Grubingers Installation aus 36 Tensatoren: Absperrbahnen, die den Transitbereich bestimmen, zeitversetzende Verlangsamung in Erwartung neuer Orte. Ein Sinnbild für das Leben des südafrikanischen Musikers Louis Moholo-Moholo, der in den sechziger Jahren nach Europa emigrierte und dort mit seiner Musik auf die Apartheid aufmerksam machte, zerrissen zwischen Sehnsucht und Angst. Mit seinen Improvisationen wirkte er außerdem an der Neuentwicklung ästhetischer Konzepte mit.

Im Rahmen des Total Music Meeting, dieses hochrangigen Festivals für improvisierte Musik mit dem skandalös niedrigen Budget, ist der vor zwei Jahren nach Südafrika zurückgekehrte Schlagzeuger nun in Berlin aufgetreten. Moholo-Moholo kam mit seinem langjährigen Weggefährten, dem britischen Ausnahmesaxofonisten Evan Parker. In den neunziger Jahren bildeten sie ein Trio mit dem Bassisten John Edwards, auch er war bei den zwei Berliner Konzerten dabei. Edwards spielt mit dem ganzen Körper, gleitet über das Holz, das schon dunkel und abgeschabt ist wie ein alter Dielenboden. Streicht, zupft, klopft die Saiten, die Augen geschlossen, selbstvergessen. Nur konzentriert auf Parker und Moholo-Moholo, die immer leiser werden und sanfter. Musik als Heimat. Grenzenlos. Maxi Sickert

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