Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Luger

POP

Nackte Brust

im Konfettiregen

Mit Mika kann jeder, wie es scheint. Zum Konzert des 24-jährigen Londoners gehen Eltern mit ihren Kindern und umgekehrt. Entsprechend gut gefüllt ist die Columbiahalle, obwohl Mika nun schon zum dritten Mal in Berlin auftritt. Während er sich auf seinem millionenfach verkauften Debütalbum „Life in Cartoon Motion“ aber zumindest noch die eine oder andere Eigenheit leistet, ist die Live-Show zur durchkonzipierten, klischeebeladenen Pop-Revue geraten. Da entsteigt eine Tänzerin einem riesigen Luftballon, dort fängt plötzlich der Bass während des Solos zu blinken an und zu guter Letzt legt Chef Mika Glitzersakko und Hemd ab und reckt seinen nackten Oberkörper Richtung Publikum, während der große Abschluss-Konfettiregen einsetzt.

Die Musik selbst geht bei all den großen Gesten und Posen fast unter. Der Gitarrist bemüht sich zwar redlich, die zackigen 80er-Disco-Riffs auch live unters Volk zu bringen, bleibt dafür aber schlicht zu leise. Gleiches gilt fürs Schlagzeug, das sich durch den verwaschenen Sound kaum durchzukämpfen vermag. Immerhin – und das ist wohl die Hauptsache – sitzen Mikas schwindelerregend hohe Gesangspassagen. Dem scheint es sogar so gut zu gefallen, dass er – mangels verfügbaren Materials – als letzte Zugabe noch einmal die bereits zu Beginn gespielte Hitsingle „Relax, Take It Easy“ intoniert und damit den Abend mehr als treffend zusammenfasst. Großes, professionelles Pop-Theater ohne Höhepunkte und Mehrwert. Michael Luger

KLASSIK

Tango tanzen

auf Russisch

Als Ariel Zuckermann den ersten Einsatz zu Prokofjews „Ouvertüre über hebräische Themen“ gibt, ist es eigentlich schon klar: Der junge israelische Dirigent wird nicht derjenige sein, der in diesem Konzert der Deutschlandradio-„Debüt“- Reihe im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht. Vielleicht aber hätte ihm das Deutsche Symphonie-Orchester dann in der abschließenden „Feuervogel“-Suite nicht allzu sehr davonfliegen sollen. Zuckermann ist nun mal kein extrovertierter Musikdarsteller, sondern ein kontrollierender Zeichengeber von innwendig Musikalität, was nicht geradewegs zu Open-Air-Dirigaten, dafür aber zu nachhaltiger Arbeit mit Orchestern führen könnte. Mit den Solisten betreibt er sie bereits: Vor allem die klangliche Interaktion mit Francesco Tristano Schlimé in Prokofjews fünftem Klavierkonzert ist beeindruckend. Mit großem Stilverständnis und ohne äußere Attitüde entwickeln Schlimé und Zuckermann den glasklaren spitzen Klang des Konzerts. Dass sich der Luxemburger Pianist in der trockenen Klangwelt russischer Neoklassizisten gründlich auskennt, beweist er auch in der Zugabe, Strawinskys „Tango“ für Klavier. Den süffigen Ausgleich bietet da „Aconcagua“, Astor Piazzollas Bandoneon-Konzert von 1979, dargeboten auf einem russischen Akkordeon, dem Bajan. Der Interpret Aydar Gaykullin lässt ahnen, wie sehr dieses behäbige Instrument mit seinen vibratös an- und abschwellenden Tönen den Spieler von selbst in eine pathetische Welt hineinzieht. Bis zur bravourösen Tango-Zugabe muss das Publikum in der Philharmonie lange klatschen – aus seiner russischen Heimat ist Gaykullin wohl ganz andere Bajan-Begeisterung gewohnt. Matthias Nöther

ARCHITEKTUR

Kuben,

die schweben

Wer sich die neuen Einfamilienhaussiedlungen an der Berliner Peripherie anschaut, muss den Eindruck gewinnen, dass es die sachliche Architektursprache der Moderne nie gegeben hat. Was sich dort an grün und blau glänzenden Dächern, Türmchen und Giebelchen, Grundstücksumfriedungen und Garagen im Hazienda- oder Landhausstil auftut und -türmt, lehrt das Grausen. Wie gut, dass es noch Architekten wie das Berliner Büro Becher + Rottkamp gibt. Architekten, die die vornehme Entwurfsaufgabe des individuellen Einfamilienhauses ernst nehmen. Und die dafür ebenso klassisch-moderne wie undogmatische Lösungen finden. Die Ausstellung 1, 2, 3 Häuser in der Architektur Galerie Berlin (Karl-Marx-Allee 96, bis 10. 11.) stellt drei realisierte Häuser vor: in Zehlendorf, Wilhelmshorst bei Potsdam und Recklinghausen, entstanden zwischen 1996 und 2004. Klare zweigeschossige Kuben mit guten, bequemen Grundrissen, „geerdet und doch schwerelos, ganz selbstverständlich an ihrem Ort und doch besonders in ihrer Gestalt und Qualität“, wie Tagesspiegel-Autor Jürgen Tietz bei der Ausstellungseröffnung feststellte. Zu sehen sind in der Architektur-Galerie allerdings nur drei Großfotos von Stefan Müller, die jeweils frontal eine Fassade abbilden. Tolle Fotos, die spärlich durch Kurztexte und Grundrisse kommentiert werden – und eine kostenlose Broschüre des vor 15 Jahren gegründeten Büros. Für eine Ausstellung ist das leider ein wenig zu viel Reduktion. Michael Zajonz

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