Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Brasilianer schimpfen

und stöhnen

Nicht schlecht für eine Vorband: Zum rappeligen Diskopunk des New Yorker Quartetts Holy Hail wird im Magnet Club schon ganz gehörig abgespackelt. Vor allem ein dunkelhaariges Girlie mit Leggins hüpft wie ein Flummi und bejubelt jeden Song. Später stellt man verblüfft fest, dass es Marina Vello war, die Sängerin des Hauptacts aus Rio de Janeiro: Bonde Do Role. In der folgenden Dreiviertelstunde wirbelt sie unermüdlich über die Bühne und malträtiert ihre Stimmbänder mit einem wüsten, portugiesischen Stakkato aus Schimpfen und Stöhnen, Kreischen und Krächzen. Pedro D‘Eyrot gibt mit Vorstadtcharme den quirligen Partner am Mikrofon, während DJ Rodrigo Gorky an CD-Playern und Mischpult die waghalsigen Soundcollagen zusammenschraubt. Da werden die Fanfaren von „The Final Countdown“ von Breakbeats zerhackt, filigrane Funk-Licks von wuchtigen Sambatrommeln zusammengestaucht und affige Metal-Gitarrensoli durch den Hiphop-Fleischwolf gedreht. Das Ergebnis erinnert an die frühen Beastie Boys und den brachialen Patchwork-Pop von Justice, bloß eben nicht mit französischer Coolness, sondern mit brasilianischem Temperament dargeboten. Zur Zugabe stürmt ein gutes Dutzend Zuschauer die Bühne und springt mit der Band im Veitstanz umher. Großer Spaß und passender Abschluss für einen Auftritt, der ebenso Party wie Konzert war. Jörg Wunder

ARCHITEKTUR

Experten warnen

und schlafen

Der Klimawandel hat bei Veranstaltern Konjunktur. Parteien, Verbände und Hochschulen laden zu Diskussionen und ventilieren das Thema, oft mit Erkenntnissen, die schon seit Jahrzehnten bekannt sind. Die Bundeszentrale für politische Bildung und der Bund Deutscher Architekten Berlin (BDA) debattieren im Roten Salon der Volksbühne über Anpassungsstrategien in Architektur und Stadtplanung. Einerseits werden noch immer 40 Prozent der Primärenergie in Gebäuden verbraucht. Andererseits wird uns in den Städten der Klimawandel verstärkt zu schaffen machen. Der Klimatologe Andreas Matzarakis von der Universität Freiburg rechnet bis zum Jahr 2100 mit einem Anstieg der PET – das ist die für das Befinden bedeutsame gefühlte Temperatur – um bis zu 12 Grad. Neben baulichen Maßnahmen empfiehlt er, in den heißen Mittagsstunden eine Siesta einzuführen. Christian Korndörfer, Leiter des Dresdner Umweltamtes, der 2002 ein „Jahrtausendhochwasser“ erlebte, glaubt, „die Zukunft wird Dürre und Hochwasser sein“. Er plädiert für Strukturänderungen in der Stadtplanung. Neben mehr Straßenbäumen und Gärten müsse „Großgrün“ die Verdunstung erhöhen. Dass derzeit in Berlin mehr Bäume verschwinden als neu gepflanzt werden, nennt Moderator Rainer Ernst einen Skandal. Marco Schmidt vom Institut für Physik der TU hält ohnehin nicht die CO2-Erhöhung für relevant, sondern macht die Verdunstung dafür verantwortlich, die weltweit durch Versteppung und Verstädterung dramatisch abnehme. Er empfiehlt, Gebäude zu begrünen und das Regenwasser intensiv zu nutzen. Einen überraschenden Aspekt erwähnte Marco Schmidt: In 20 Jahren werde Phosphor knapp. Man müsse deshalb über Urinseparation zur Phosphorrückgewinnung nachdenken. Das hat wohl nur indirekt mit dem Klima zu tun, umweltrelevant ist es allemal. Falk Jaeger

FOTOGRAFIE

Alte Mauern fallen

und neue entstehen

7. Juli 1998: Das Zeughaus wird von einem Magazingebäude flankiert, die Schuttcontainer warten schon. Ein halbes Jahr später klafft hier eine Baugrube. Das Foto vom 13. Juni 2006 – mit Pei-Bau inklusive gläserner Treppenspirale – präsentiert eine wiederum krass veränderte Ansicht. Timescape nennt Michael Ruetz seine fotografischen Bildfolgen, deren Sprünge dramatisch vor Augen führen, wie die Zeit vergeht. Alte Mauern fallen, neue wachsen, Gesellschaft und Politik sind im dauernden Fluss. Die Schau Eye on Time versammelt speziell die Berliner Umbruch-Stücke des Fotografen. Starke Klammer: Das Deutsche Historische Museum (DHM) ist sowohl ein Gegenstand als auch passendes Gehäuse der Ausstellung. Der gebürtige Berliner (Jahrgang 1940) wurde mit Inkunabeln der Achtundsechziger berühmt: Pressefotos von Dutschke, Baader, Marcuse oder Beuys. Inzwischen sind für Ruetz Beharrlichkeit und exakt wiederholte Ausrichtung der Kamera angesagt. Noch sind einige Timescape-Folgen nicht abgeschlossen, deren maximales Ablaufdatum vom Fotografen auf 25 Jahre limitiert wurde. Aufs Brandenburger Tor hielt Ruetz erstmals 1991, das Ensemble von Schlossplatz, Dom und Palast der Republik lichtet er seit 1992 ab. Sehr wehmütig stimmt ein Zyklus, auf dem das gründerzeitliche S-Bahnhofgebäude am Gesundbrunnen Schritt für Schritt einer Shoppingmall weicht, andererseits passiert mit einem etwas heruntergekommenen Häuserblock in der Dänenstraße, Prenzlauer Berg, praktisch überhaupt nichts. Rasender Stillstand, auch das ist Berlin.Jens Hinrichsen

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