Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Odyssee

für Klarinette

Ein sonderbar Ding ist diese 10. Sinfonie, über der Gustav Mahler starb, mit fünfzig. Die verzweifelten Notizen in den Skizzen machen es zu einem seiner persönlichsten Werke. Doch zur Aufführbarkeit hat es ein anderer gebracht, Deryck Cooke, bewusst nicht „vollendend“. Auf das strukturell Fragmentarische der fünf Sätze kann man sich einlassen, Simon Rattle zieht es in der Philharmonie vor, darin zu schwelgen. So entsteht ein verblüffend geschlossener Klang der Berliner Philharmoniker, der etwas von zugleich ungebrochener wie verspäteter Romantik hat. Risse, Abgründe, Löcher deutet Rattle bestenfalls an, Schärfe und Druck fehlen unter seinen umarmenden Gesten. Da wünschte man sich mehr von der fast wütenden Präzision, mit der etwa der erste Klarinettist seine Synkopen ins Geschehen hackt, da müssten Ablösungen und Übergänge oft nicht nur gespielt, sondern gedacht sein, und die fehlende Tiefenspannung begünstigt manch kleines Missgeschick.

Held des langen Abends wird ein weiterer Klarinettist, der Solist Karl-Heinz Steffens, dem in der Uraufführung von „Heart of Darkness“ alle denkbaren Extreme abverlangt werden. Er bewältigt nicht nur, was der 44-jährige Christian Jost ihm komponiert hat, er reißt es auf die Ebene eines persönlichen Abenteuers hoch. Als solches ist diese „Odyssee“ für Klarinette und (zweigeteiltes) Orchester zwar ohnehin gedacht, doch jenseits des Soloparts steht die Partitur sich selbst im Weg: viel Energie, viel Bewegung, die nichts auf den Weg bringt, sondern in dichter Materialorganisation auf der Stelle tritt. Volker Hagedorn

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