Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Wenn der Vater

mit dem Sohne

Ödipus bleibt draußen bei diesem Familien-Tanzprojekt. Für „Repeater“ bittet Martin Nachbar seinen Vater auf die Bühne – ein Unterfangen, das leicht peinlich werden könnte (Sophiensäle, noch einmal Samstag, 20 Uhr). Der Pensionär hat sich offenkundig damit angefreundet, dass sein Sohn so einen komischen Beruf – Choreograf! – ausübt. Und er ist willens und körperlich agil genug, um sich näher darauf einzulassen. Der nicht mehr ganz so junge Martin muss sich also nicht erst heftig an der väterlichen Autorität abarbeiten, symbolischen Vatermord inklusive. Papa steht hier nicht ante portas, sondern mitten auf dem Tanzteppich. Früher hat er seinem Spross beigebracht, wie man Fahrräder repariert oder mit Holz bastelt, nun findet der Vater sich in der Rolle des Lernenden wieder. Imitiert erst zaghaft Martins Bewegungen, findet dann mehr und mehr zu eigener Gestik. Das Gemeinschaftsprojekt umfasst Expertengespräche und Konfrontationsgesten. Martin und Klaus Nachbar checken sich ab, nehmen die körperlichen Eigenheiten des Anderen (Martins beginnende Glatze) furchtlos in den Blick, erst prüfend, dann liebevoll. Wenn der Sohn ein aufsässiges Solo zeigt, antwortet der Vater mit einem betont geschmeidigen Tanz. Lustig ist es, wenn Vater und Sohn sich gegenseitig spiegeln und Klaus den Heißsporn mimt, nachdem er gerade Martin beim Fußballmatch ausgetrickst hat. Freude und Erleichterung am Ende. Die Nachbars haben’s geschafft: Sie bringen eine neue Dynamik in die Vater- Sohn-Beziehung. Sandra Luzina

KLASSIK

Gegen

die Wand

Eigentlich ist das Klavier ja ein Saiteninstrument. Fazil Say schert sich nicht länger um die Tasten, greift schwungvoll in die Stahlsaiten des Flügels, umkreist in Halbtonschritten den immergleichen Ton: ein arabischer Tanz, eine Anrufung, ein Ritual. Und plötzlich, bei dieser zweiten Zugabe des Vollblutpianisten im Kammermusiksaal, begreift man, was er zuvor mit dem Ostinato von Bachs „Passacaglia“ versuchte oder mit Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“: Fazil Say beschwört die Musik mehr, als dass er sie interpretiert. Deshalb schlägt er über die Stränge, rast nach virtuosen Läufen mit voller Wucht gegen die Wand, macht leidenschaftlich Gebrauch vom Pedal, müht sich bis zur Verkrampfung um Intensität. Hier ist nichts von der wunderbaren Coolness seiner Haydn-Einspielung zu spüren. Der türkische Pianist spielt volles Risiko (und verstärkt den Einsatz mit seinem berühmten Singsang), wenn er das Finale von Prokofjews 7. Klaviersonate ins Unerbittliche meißelt oder Bachs g-Moll-Fuge im Gestrüpp romantischen Überschwangs aus den Augen verliert. Die Polyphonie, ein Hindernislauf für Ungestüme.

So viel Tempo und Temperament zahlt sich am ehesten bei Mussorgski aus. Im „Ballett der Küchlein in den Eierschalen“ lässt das Geflügel gewaltig Federn, die „Hütte der Baba Yaga“ ist von felsenschweren Akkord-Kolossen umzingelt, und auf dem „Marktplatz von Limoges“ steigert sich das Stimmengewirr zur spitzzüngig-schrillen Kakophonie. Kein Zweifel: Fazil Say liebt das Gewühl. Christiane Peitz

KUNST

Den Panzer

aufbrechen

Nein, hier rollen keine Köpfe. Die Bildhauerei von Hede Bühl hat nichts Umstürzlerisches, rüttelt nicht am Kunstbegriff. Von irritierender Intensität sind ihre Ganzfiguren und Köpfe aber doch, wie eine Ausstellung anlässlich der Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises belegt. Die Akademie der Künste ehrt das Lebenswerk der 67-jährigen Düsseldorferin, die „von einer stillen, dennoch kraftvollen Zurückgezogenheit bestimmt“ sei, wie es in der Begründung der Jury heißt, „sich ganz und gar den Moden verweigernd“. Auskünfte gibt die Beuys-Schülerin ungern: „Ich kann nicht über meine Arbeit reden.“ (Pariser Platz 4, bis 16. 12., Di-So 11-20 Uhr, Katalog 5,10 Euro.)

Noch vor einer Reihe vibrierender Skizzen und zwei mumienhaften „Wächter“- Standfiguren gilt das Augenmerk der Schau den „Köpfen“ aus Bronze oder Eisen. Die Häupter sind gesichtslos, ihr anthropomorpher Charakter stellt sich bloß durch Andeutung von Hinterkopf, Stirn und Kinn her. Während sich die schrundige Oberfläche der Kleinbronze „Bocca“ (1983) zu einem schwarzen Mundloch öffnet, verschließen sich die späteren, monumentalen Skulpturen ganz. Stille, eisernes Schweigen. Was hinter der Oberfläche ruhen könnte, wird zur bohrenden Frage des Betrachters. Mal prallt der Blick am Goldglanz rundum geschlossener Helme ab, mal erinnern sich kreuzende Bänder an Bandagen, lassen Verletzung, Schutzbedürftigkeit ahnen. Ein rostbrauner „Kopf“ von 2001 ist von einer Schuppenstruktur überzogen: Wachstum ist möglich, ein Aufbrechen des Panzers scheint in greifbarer Nähe. Jens Hinrichsen

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