Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Die Liebe,

zum Gähnen

Den härtesten Brocken seines Gluck-Zyklus hat sich Lothar Zagrosek bis zum Schluss aufgespart: Im 1770 uraufgeführten Musikdrama „Paride ed Elena“ gibt es so wenig an äußerer Handlung, dass selbst wagemutige Opernhäuser vor dem Stück zurückschrecken. Fünf Akte lang muss der Trojanerprinz seine Stimmbänder anstrengen, bis die hartherzige Helena endlich ihr Jawort haucht. Und dass der Komponist dem frisch vereinten Paar anschließend nicht mal mehr ein Duett gönnt, macht endgültig klar, dass der Weg hier schon das Ziel ist. Um die Warteschleifen dieses Balzrituals mit erotischer Binnenspannung aufzuladen, hätte es im Konzerthaus wohl doch ein stilistisch abgefeimtes Ensemble wie die Akademie für Alte Musik gebraucht – das Konzerthausorchester zeigt bei seinem Exkurs in Sachen Rokoko-Rhetorik zwar guten Willen, bleibt aber zu brav und lässt Glucks Musik zwar freundlich, aber nicht sexy klingen. Problematisch zudem, dass Zagrosek den Paarfindungsprozess auf knappe neunzig Minuten abkürzt und dabei das höfische Umfeld der umworbenen Spartanerkönigin weitgehend auslässt. Denn interessant wird diese Helena erst durch ihren inneren Zwiespalt zwischen privaten Gefühlen und öffentlichem Verhaltenskodex – immerhin gibt die Frau ihre Existenz auf, wenn sie mit ihrem Verehrer durchbrennt. Ein entscheidender Punkt, den leider auch Regisseur Joachim Schlömer bei seiner halbszenischen Einrichtung verpasst: Seine Helena (schnippisch: Ruth Ziesak) ist ein Girlie im Ulrike-Meinhof-Look, sein Paris ein netter Turnschuhtyp (Marius Brenciu mit Italo-Schmelz). Eigentlich hätten diese beiden auch sofort zusammen in die Kiste hüpfen und den kessen Amor (Jutta Böhnert) gleich dazu einladen können. Egal, ob mit Gluck oder ohne. Jörg Königsdorf

POP

Die Zukunft,

zum Anfassen

Der Moment ist entscheidend. Die besten Konzerte einer jungen Britband finden in dem schmalen Zeitfenster zwischen erster Fanbegeisterung und dem zumindest in England meist nur Monate später folgenden Charterfolg statt. Für The Wombats aus Liverpool ist dieser Zeitpunkt da: Ihr Debütalbum „A Guide to Love, Loss and Desperation“ ist just erschienen, die Songs sind durch die üblichen Vorabkanäle im Ohr. Das Rosi’s ist im Grunde schon viel zu klein, aber daher – für die, die reinkommen – gerade richtig. Vorm Eingang betteln traurige junge Menschen andere um Karten an. Aber so blöd ist natürlich keiner. Denn der Spaß dieser nachmitternächtlichen Pop-Lehrstunde ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Anders als die meisten Kollegen scheinen The Wombats von pseudocooler Einsilbigkeit noch nichts gehört zu haben. Gitarrist und Sänger Matthew Murphy und Drummer Dan Haggis scherzbolden und slapsticken herum, als wollten sie an glorreiche Monty-Python-Tage anknüpfen. Bassist Tord Øverland Knudsen ist der Band-Schweiger, hat aber die schönere Out-of-Bed-Frisur. In dieser Minibesetzung katapultieren sich The Wombats durch ein Dutzend großartiger Songs, die den energetischen Impetus der Arctic Monkeys mit dem Hymnenfeeling der Kaiser Chiefs und einer Dosis britischem Humor verbinden. Stücke wie „Backfire at the Disco“ oder „Let’s Dance to Joy Division“ sind zugleich authentischer Ausdruck eines Lebensgefühls und selbstironische Reflexion. Und natürlich todsichere Hits, zu denen das enthusiasmierte und durchweichte Publikum kein Halten kennt. Aber die Zukunft des Britpop zum Anfassen nahe zu sehen, ist ein paar blaue Flecken wert. Nächstes Mal trifft man sich in der Columbiahalle. Jörg Wunder

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