Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Der Beckenschlag

im Rathaus

Zwei Berliner Philharmoniker vor dem Abflug. Während die Kollegen letzte Hand an ihr Reisegepäck für die USA-Tournee des Orchesters legen, stehen diese beiden Musiker nachmittags noch in der Philharmonie. Nicht flüchtig, sondern mit Hirn und Herz. Dem Hornisten Stefan de Leval Jezierski hat Thomas M. Sleeper ein Konzert geschrieben: amerikanische Musik, die nicht nach Wald und Heide klingt, sondern ein bisschen schräg und synkopisch. Sparsame Substanz, aber hübsch ausgeführt. Der Solist spielt markantes Horn, Geläufigkeit mit kernigem Ton. Der Geiger Stanley Dodds pflegt die Neigung, hier und da seine Violine gegen ein Dirigat einzutauschen, so auch im nächsten „Philharmonischen Salon“. Seit 2006 leitet er das Sinfonie Orchester Schöneberg (SOS). Er steht dafür ein, dass Erfahrung aus dem Spitzenorchester in das SOS fließt. Der Name rührt daher, dass die Musiker im geschichtsträchtigem Rathaus Schöneberg kostenlos proben dürfen. Mit Anton Bruckners Siebenter, die in diesem Berliner Herbst ihre vierte Interpretation (nach Blomstedt, Masur und Barenboim) erfährt, zeigt sich Dodds als kundiger Orchestererzieher. Viel Verabredung klingt aus dem gebundenen Spiel der Streicher, durch Präsenz jedes Einzelnen nimmt der semiprofessionelle Klangkörper für sich ein. Dodds ist kein Theatraliker, der Generalpausen ausreizte. Er erreicht schöne Crescendi, ohne zu schwitzen, und eine überzeugend zusammenfassende Interpretation. Seltsam rührend wirkt in dieser Aufführung der umstrittene Beckenschlag.Sybill Mahlke

KUNST

Die Papiertiger

von der Seidenstraße

Im Frühjahr 2002 stellte der Hannoveraner Wolfgang Tiemann seinen Grafikzyklus „Paperroads“ im Usbekischen Samarkand aus. Dort erlebte das chinesische Heer 751 eine Niederlage, die als Geburtsstunde des Papiers in der arabischen Welt gilt – denn auch Gelehrte aus Peking gerieten dort in Gefangenschaft. Entlang der Seidenstraße trat das Papier seinen Siegeszug an. Tiemanns Hommagen an den klassischen Werkstoff sind nach Stationen wie Damaskus und Sevilla nun im Berliner Pergamonmuseum zu sehen (Am Kupfergraben, bis 27.1., Katalog 27 Euro). Räume voller Papierarbeiten sind zu durchschreiten – darunter allzu viel Verzichtbares –, bis man endlich bei einem überlebensgroßen Sphinxen-Paar aus Bronze ankommt, das den Eingang zu den „Paperroads“ markiert. Die zwei Dutzend Grafiken im überlangen Straßenformat, ergänzt durch die originalen Aludruck-Platten, beeindrucken immerhin technisch: Tiemann lässt Kaltnadel-Linienbündel über die Hochformate tanzen, kratzt arabische oder chinesische Schriftzeichen ein, nimmt Flächenätzungen in allen Grauschattierungen vor und lässt eingeätzte Fußspuren über die Büttenbahnen wandern. Das sonstige Symbolreservoir aus Falkensilhouetten, Hieroglyphenmännchen und zeichenhaft reduzierten Stierköpfen ist allerdings schnell erschöpft. Genau wie der Betrachter, der sich noch den Rückweg bahnen muss, vorbei an hunderterlei Figuren- und Landschaftsbildern, die durchweg ungelenk und mit wenig Sinn für Farbe gemalt sind. Kurzum: ein Tiefpunkt zeitgenössischer Präsentationen in den Staatlichen Museen. Jens Hinrichsen

THEATER

Die strenge Ente

im Kellergeschoss

Na fabelhaft! Eigentlich wollte Bartholomäus Bob nur eine ganz normale Geschichte schreiben. Und die Kinder wollten nur ganz normal zuschauen. Doch weil Major Dux – eine Ente in Uniform – gerade die Musik verboten hat, müssen Bob und sein Publikum erst einmal die Welt retten. Und zwar mit Jazz. Volker Schmidt inszeniert seine Liebe zur feurigen Musik (Komposition und Leitung: Sandra Weckert) als leidenschaftlichen Nachmittagsstreifzug für Familien durch so ziemlich alle Räume der Neuköllner Oper. Nicht zum ersten Mal geht es auch durch den Keller des Hauses, der aufwändig und fantasievoll als Kaschemme, U-Bahn und Verließ hergerichtet ist. Ein Untergrund voller swingender Ratten, Saxophon spielender Echsen und Tausendfüßler am Schlagzeug (Ausstattung: Andrea Nolte). Selbst offenbar voll kindlicher Begeisterung, führt das tierische Ensemble alle Mann durch diese Jazzparabel (Text: Martin Baltscheit). Naiv und hyperaktiv (Andreas Schwankl), lustvoll und rotzig (Frederike Haas), oberlässig und groovy (Peer Neumann) oder tanzbärig (Uwe Dreves). Engpässe werden im Namen der Freiheit einfach übergangen. Die kleinen staunen über die großen Kinder, und die Eltern über alle beide. „Wenn ich es ihnen sage, kommen sie nie so schnell mit“, raunt ein Zuschauer. Gruseln, Lachen und Singen, bis die Wände einstürzen. Wer Kinder und etwas Stehvermögen hat, der kann mit Ihnen schon am kommenden Wochenende wieder die Welt retten. Und wem das zu anstrengend ist, der kann eben nichts erleben. So ist das nun mal beim Jazz. Paul Bräuer

JAZZ

Der nette Junge

von nebenan

Ganz unprätentiös, als sei er nur einer unter vielen, betritt Nigel Kennedy mit den vier Musikern seiner polnischen Band die Bühne im Tempodrom. Er macht Witzchen mit dem Publikum, schwenkt die Beck’s-Gold-Flasche und gibt sich auch sonst als der nette englische Junge von nebenan. 2006 ist Kennedys Album „Blue Note Sessions“ erschienen, in dem sich der Stargeiger mit teils selbst geschriebenen Nummern seiner alten Leidenschaft hingibt: dem Jazz. Jetzt geht er damit auf Tour. Wie ein Schädel, ein entseelter Knochen, sieht seine rahmenlose E-Geige aus. Doch Kennedy kann das Instrument mit Seele füllen – eine Fähigkeit, die in der ersten Hälfte des Konzerts leider aber nur selten aufblitzt. Da legt sich bleierne Langeweile ohne erkennbare Dramaturgie über das betonierte Zirkuszelt, da wiederholt sich immer wieder ein viertaktiges Thema, da zupft der Kontrabass minutenlang nur zwei Töne. Das Bühnenbild sieht billig aus, die Boxen stehen wie Umzugskartons herum. Nach der Pause aber wird es besser: Jetzt versucht sich Kennedy auch mal im Singen, die Lichtregie wird gewagter, die Musik vielfältiger, bis hin zu arabischen Klängen und Rock. Kennedy malträtiert sein Instrument, als sei er Jimi Hendrix, die Geige dröhnt, kreischt, jault auf wie ein gequältes Tier. Durch seine Solos bekommt der Abend Charakter, aber immer wieder tritt er auch zurück und gibt seinen Musikern Tomasz Grzegorski, Piotr Wylezol, Adam Kowalewski und Pawel Dobrowolski mit Klavier, Saxophon, E-Gitarre und Schlagzeug breiten Raum, sich zu entfalten. Ganz unprätentiös eben. Udo Badelt

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