Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

OPER

Feines Stück

ums kleine Glück

Einfacher war Oper nie: Damit Gioacchino Rossinis frühe Farcen und Einakter in Schwung kommen, braucht es eigentlich nur eine Bühne und zwei Türen – den Rest erledigen sowieso die Sänger. Zuletzt war das an der Deutschen Oper zu erleben, als dort in den halbszenischen Aufführungen der Seidenen Leiter Witz, Anmut und Melancholie quasi aus dem Nichts entstanden. Am Potsdamer Schlosstheater aber, wo das feine Stück ums kleine Glück nun die diesjährige Winteropernsaison eröffnet (wieder am 16. und 17.11.), hat die italienische Regisseurin Caterina Panti Liberovici leider etwas zu viel Angst vor der Einfachheit. Bis zum Anschlag vollgerümpelt ist bei ihr die Bühne: Hier ein blank poliertes Messingbett für die pikanteren Bühnensituationen, dort ein Teetischchen zum Drunterkriechen, in den weiteren Hauptrollen ein Sofa, ein Paravent und eine Zinkbadewanne. Dazu eine leicht geschürzte Zofe, tief ausgeschnittene Chiffon-Negligés, und für den blasierten Draufgänger noch einen Cowboyhut – was der Fundus des Boulevardtheaters eben so alles hergibt. Hier herrscht der horror vacui. Kein Wunder, dass die Sänger jede Phrase mit derart zappeligen Gesten begleiten, als müssten sie für die Gefühle erst noch Platz schaffen. Zwecklos, gegen den Mehltau italienischer Provinz, der sich über Rossinis eigentlich frisches Stück legt, kann keiner anspielen. Was schade ist, weil sich die Produktion musikalisch durchaus sehen lassen kann: Der kernige Bassbuffo von Enrico Marabelli und die kühle Primadonna Raffaella Milanesi führen ein stilistisch sattelfestes und koloraturensicheres Ensemble an, das der junge Dirigent Felice Venanzoni mit geistreichen Fortepiano-Improvisationen durch den Abend steuert. Und die Potsdamer Kammerphilharmonie macht vor, dass ein forscher, lebendiger Zugriff hier wichtiger ist als bloßer Schönklang. Und, dass man Rossini ruhig ein bisschen vertrauen kann. Jörg Königsdorf

THEATER

Wo Oskar der Dame

in Rosa Briefe schreibt

Gott hat keine Adresse – vermutlich vertraut er der Post einfach nicht. Der zehnjährige Oskar schreibt ihm trotzdem, ermutigt von seiner besten Freundin, Oma Rosa genannt, die sich als ehrenamtliche Helferin auf der Kinderkrebsstation um den kleinen Jungen kümmert. Diese fantasiesprühende Lady ist die gute Seele des Einpersonenstücks Oskar und die Dame in Rosa von Eric-Emmanuel Schmitt, das just in der Komödie am Kudamm Premiere feierte (wieder vom 13. bis 18.11.). Oma Rosa ist es auch, die dem Sterbenskranken vorschlägt, sich einen Tag wie zehn Jahre vorzustellen, und so erzählt Oskar in seinen todtraurigen, hochkomischen Briefen von den Wirren eines ganzen Lebens, von Hochzeit, Midlifecrisis und der großen Müdigkeit. Es muss schon ein besonders grober Klotz sein, wer sich von dieser Geschichte nicht berühren lässt. Was kein uneingeschränktes Kompliment an die Vorlage sein soll. Denn der französische Erfolgsautor Eric-Emmanuel Schmitt („Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ beschwört auch in diesem Buch die heilige Dreifaltigkeit aus Glaube, Liebe, Hoffnung und geizt nicht mit erbauungsschwülstigen Kalenderweisheiten. „Betrachte die Welt jeden Tag so, als wäre es das erste Mal“, so klingt das dann. Dass der Abend trotzdem zu Herzen geht, ist der kitschresistenten, feinfühligen Regie von Martin Woelffer sowie der großartigen Leistung der Hauptdarstellerin Johanna von Koczian zu danken. Wie sie, in nuanciert wechselnder Perspektive, Oskars Briefe und die Gespräche mit Oma Rosa belebt und dabei auch noch den zuweilen altklugen Ton von Schmitts Stück ganz selbstverständlich klingen lässt, das ist hohe Kunst. Patrick Wildermann

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