Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulf Meyer

ARCHITEKTUR

Die Blume

des Diktators

Manche Bilder aus Pjöngjang erinnern an Marzahn, andere zeigen nur die trostlos hingewürfelten Blöcke, die die nordkoreanische Dampfwalze der Moderne hinterlässt: leere Straßen und freudlose Plattenbauten, deren einziger Schmuck Banner mit dem Geburtsdatum des großen Führers sind und die Blume, durch die der Diktator sich symbolisch allgegenwärtig im Stadtbild repräsentieren lässt. Die jahrtausendealte Stadt Pjöngjang wurde nach dem Koreakrieg 1953 als sozialistische Idealstadt wiederaufgebaut.

Zum Aedes-Kamingespräch im Pfefferberg ist Myong Ho Jong, der Präsident der Architekturakademie aus Pjöngjang, mit der Frage gelockt worden: Braucht Architektur Ideologie? Auch wenn die sprachliche und mehr noch die kulturelle Kommunikation sich als schwierig erweist, für ihn stellt sich diese Frage nicht. Berlin mag froh sein, der Städtebau-Doktrin von „kritischer Rekonstruktion“ und „Planwerk“ zu entkommen, die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat auf dem Podium alle Mühe zu erklären, wie das Spiel von Wirtschaft und Politik hier funktioniert und sich dabei als unideologisch begreift. Die Frage, ob in Zukunft auch westliche Architekten sich an Wettbewerben in Nordkorea beteiligen könnten, bejaht Jong heftig. Taucht da ein Stückchen Glasnost auf? Ulf Meyer

JAZZ

Das Zwinkern

der Sängerin

„Madonna, you know…“, erklärt Malia, als es um ihr Herkunftsland geht. Nein, Malia ist kein Adoptivkind, ihr Vater ist Engländer, ihre Mutter Afrikanerin, und geboren wurde sie in Malawi, jenem kleinen ostafrikanischen Land, das für viele erst durch Madonnas spektakuläre Adoption ins Blickfeld geriet. Als ihre Familie Ende der Achtziger ins Londoner Exil ging, suchte Malia Zuflucht im Jazz – und entdeckte die Stimmen von Sarah Vaughan und Billie Holiday. Heute, mit 30 Jahren, gilt Malia als eine der vielseitigsten Sängerinnen zwischen Soul und Jazz.

Im Babylon Mitte, wo sie ihr drittes Album „Young Bones“ (Sony/BMG) vorstellt, umgibt sie sich mit einem klassischen Piano-Trio, das jedoch jeden klassizistischen Rahmen sprengt. Malia, ganz in Schwarz und mit knallrotem Lippenstift, tänzelt zu ausgefuchsten perkussiven Intros und bekommt mit ihrer fülligen, angerauten und dennoch zerbrechlichen Stimme alles hin, was Jazz, Pop und Soul betrifft. Sogar „No Surprises“ von Radiohead überführt sie in ihre eigene Welt. Die besteht aus zeitgemäßem Uptempo, langmütiger Ballade, etwas Bossa Nova und augenzwinkernd-rauchigem Barjazz. Nur schade, dass dazu im großen Kinosaal jene Intimität fehlt, die Malia vielleicht braucht, um ganz aus sich herauszugehen. Roman Rhode

KUNST

Das Kätzchen

der Nizamstochter

Ein Motiv wie aus der romantischen Malerei: Der Fotograf John Murray lagert mit Freunden an einem Bach unter hohen Bäumen. Murray, hier von einem Kollegen abgelichtet, gehörte zu den ersten Vertretern der frühen Indien-Fotografie, von der das Museum für Asiatische Kunst unter dem Titel Picturesque Views Höhepunkte zeigt (Lansstr. 8, bis 2. 3., Di-Fr 10-18, Sa-So 11-18 Uhr). Murrays eigene Aufnahmen aus den 1850er und 1860er Jahren machen deutlich, wie sehr die ersten Kunstfotografen von der romantischen Tradition geprägt waren. Das beliebteste Motiv Indiens, das Taj Mahal, rückt bei ihm in den Hintergrund, während vorne ein Mann auf Ruinenmauern sitzt und in die Ferne blickt. Murray und seine Kollegen lockte das Exotische; sie zeigen Indien meist als friedliches Arkadien. Francis Beato dagegen dokumentierte auch die Folgen des Kolonialismus, etwa das zerstörte Lucknow nach dem Aufstand von 1857. Als Samuel Bourne kam, war die britische Herrschaft durchgesetzt und Lucknow wiederaufgebaut – als zuckriger Traum des Orientalismus.

Wie sehr der europäische Blick die Indien-Fotografie bestimmte, zeigt das Beispiel des einzigen vertretenen Inders, Hoffotograf Lala Din Dayal: Sein Porträt einer kleinen Nizamstochter, deren Hand auf einem Jagdgepard liegt, ist purer Exotismus. Kolja Reichert

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