Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Wenn Mutige

singen

Er gehört zu denjenigen, die vermeintlich schon alles haben. Dennoch bekommt Daniel Barenboim zum 65. Geburtstag eine Reihe netter Geschenke. Das nützlichste ist sicher die ausverkaufte Philharmonie am Donnerstagabend, für das Benefizkonzert zugunsten des von ihm ins Leben gerufenen Berliner Musikkindergartens, samt Ovationen des Publikums und Küsschen plus Rose von jedem weiblichen Mitglied der Staatskapelle. Selbst das aus rauhen Kehlen angestimmte „Happy Birthday“, mit dem ein paar Mutige den Maestro vor Beginn von Beethovens viertem Klavierkonzert irritieren, hat etwas. Dass die Mehrheit der Besucher nicht einzustimmen wagt, sondern es mit Spontanapplaus beendet, unterstreicht nur Barenboims Diagnose, nach der unserer Gesellschaft ein Mehr an grundlegender musikalischer Bildung gut tun würde.

Bevor der Jubilar als Solist das Podium betritt, halten Zubin Mehta und die Staatskapelle mit Brahms’ vierter Sinfonie eine solide Festrede, die allerdings durch flottere Tempowahl und prägnantere Artikulation im Allegro giocoso kurzweiliger ausfallen könnte. Die Antwort, die Barenboim mit Beethoven sowie mit Liszts erstem Klavierkonzert gibt, reißt mit ihrer Spontaneität und Energie Dirigent wie Staatskapelle aus der feierlichen Reserve. Zum stärksten Moment des Abends wird der Mittelsatz des Beethoven-Konzerts. Den spielt Barenboim mit so schlichtem, echtem und ungekünsteltem Ernst, als wolle er mitten im Trubel an diejenigen erinnern, die dieses Fest nicht mehr mit ihm feiern können. Carsten Niemann

POP

Wie Eisberge

knirschen

Keiji Haino ist ein seltsamer Vogel: Seit über 30 Jahren gehört der stets schwarz gekleidete Freistilgitarrist mit der angewachsenen Sonnenbrille zu den prägenden Figuren der japanischen Musikszene. Unvergessen sein Auftritt im Tacheles vor 15 Jahren, als man ihm nach einer halben Stunde Flugzeuglärm den Strom abdrehte. In der Volksbühne kommt es nun zum Clash mit dem finnischen Elektronik-Duo Pansonic, die sich mit furchtlosen Klangforschungen in der Echokammer einen Namen gemacht haben.

Schon das Brummen der Versorgungsleitung ihrer analogen Klanggeneratoren hört sich an wie das innere Knirschen von Eisbergen. Wenn sie dann für ihren Mitstreiter eine Lawine von Störgeräuschen lostreten, kommen besonders jene Sounds zum Tragen, die beim Hörer physische Reaktionen verursachen: pfeifende Sinustöne und bollernde Frequenzen. Und Frontmann Haino entlockt seiner Gitarre Töne, die man so noch nicht gehört hat – mutierte MetalRiffs, die wie elektronische Impulse vorüberjagen. Dazu sein schleifender Atem, spaciger Wirrwarr-Gesang in „Ursonaten“-Form. Außerdem trötet er mit der Shenai, einer schalmeienartigen Flöte, fiept kosmisch mit drei Theremins oder schrabbt auf einer exotischen Laute Stotterrhythmen, die an Arto Lindsay’s No-Wave-Exkurse erinnern. Da steht er, schüttelt seine langen grauen Haare und wirkt dabei wie ein Gast aus einer entfernten Ecke des Sonnensystems. Das Konzert beendet er mit einem Schrei, der einem die frische Zahnfüllung zu Staub zermahlt. Elementar. Volker Lüke

ARCHITEKTUR

Wo Fische

rosten

Randzonen, endlose Streusiedlungen, urbanisierte Landschaft: Die Städte ufern aus und werden immer diffuser. Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen, und doch formiert sich eine Gegenbewegung. Immer häufiger wird die „Renaissance der Stadt“ beschworen, so auch am Donnerstag in der Akademie der Künste. Zum 40. Mal hat das Land Berlin die mit je 3850 Euro dotierten Lenné-Preise für Landschaftsarchitektur an Studenten unter 35 Jahren verliehen. Die ehemalige Kulturstaatsministerin Christina Weiss nutzte ihren Festvortrag für ein Plädoyer gegen die Vorstadt und für „die Neugier darauf, was uns auf der Bühne Stadt begegnen kann“. Nämlich: Passagen, Müßiggang und Verweilen ohne Konsum.

Wie das in Berlin einmal aussehen könnte, zeigen die siegreichen Entwürfe für den Humboldthafen, die Altstadt Köpenick und den Flughafen Tegel. Unbelastet von der lästigen Frage der Finanzierbarkeit konnten die Preisträger etwa mit einem futuristischen Pflanzenschiff oder einem labyrinthischen Aquarium punkten. In allen Projekten spielt das Wasser eine Hauptrolle. Der „fischstadtpflanze“ genannte Entwurf für den Humboldthafen lässt bunte Fische in einer funktionslosen Konstruktion aus rostendem Eisen schwimmen. Zweifel, ob den Fischen ein „Verweilen“ in der Installation zumutbar ist, haben die Jury nicht an der Preisvergabe gehindert. Der LennéPreis ist ein Ideenwettbewerb und zielt auf das Utopische. Das hat Berlin nach Jahren der „Kritischen Rekonstruktion“ auch bitter nötig. Jens Müller

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