Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulf Meyer

ARCHITEKTUR

Lernen

in Lehm

In Rudrapur in Bangladesch hat man eine Schule aus Lehm und Bambus gebaut, die Nachhaltigkeit und Ästhetik vorbildlich miteinander verbindet. Entworfen hat sie ein Team um den Berliner Architekten Eike Roswag, der für seine Arbeit nun mit dem 5. Hans-Schaefers-Preis des Bundes Deutscher Architekten Berlin ausgezeichnet worden ist. Kein anderer der 15 eingereichten Bauten entsprach den Statuten des Nachwuchspreises für Berliner Planer unter 40 Jahren besser, die „die Verantwortung, die der Architekt mit seinem Werk für Gesellschaft und Umwelt wahrnimmt,“ würdigen. Der von dem Berliner Architekten Hans Schaefers gestiftete Preis ist mit 5000 Euro dotiert und wurde von der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher überreicht. Die Jury würdigt „die Intelligenz, mit der diese Schule geplant wurde.“

Die „Handmade School“ haben ausschließlich ortsansässige Handwerker gebaut. Dicke Wellerlehmwände schützen vor Wärme, während sich Querlüftung und Sonneneinfall durch Fensterläden regulieren lassen. Bei der Preisvergabe im Haus der Berliner Festspiele wurde mit der „Daniel-Gössler-Belobigung“ auch ein Preis für eine architekturtheoretische Arbeit vergeben. Der junge Berliner Architekt Friedrich von Borries erhielt sie für sein Buch „Wer hat Angst vor Niketown?“, in dem von Borries untersucht, wie der US-Konzern die zeitgenössische Stadt als Medium ihrer Vermarktungsstrategien nutzt. Alle eingereichten Arbeiten sind vom 20. November bis 6. Dezember in der BDA Galerie ausgestellt (Mommsenstr. 64, Mo, Mi, Do 10 bis 15 Uhr und nach Absprache). Ulf Meyer

FILM

Test für

die Technik

Sie wirken immer noch wie Wachsfiguren und Wasserleichen, die steifen Menschenbilder, die Regisseur Robert Zemeckis mit seinem „Performance-Capture“Verfahren herstellt. In „300“ war zu sehen, wie nahtlos Menschen sich in Computerwelten integrieren lassen. Für Beowulf hat Zemeckis das älteste Werk englischsprachiger Literatur in einen vergleichbaren Film verwandelt: eine düstere Legende von der dreifachen Prüfung eines nordischen Helden. Warum sieht dieser Held nur so seltsam aus?

Für „300“ wurden Darsteller abgelichtet und ihr Bild anschließend in die Kunstwelt eingefügt. Bei Zemeckis dagegen werden nicht Bilder, sondern Bewegung und Mimik des Darstellers abgenommen. Es wird also nicht gefilmt, sondern gemessen: dreidimensionale Daten statt flacher Bilder. Doch die Methode ist noch nicht fein genug – Menschen sehen fast real aus, aber eben nur fast, und wirken gerade deshalb besonders zombiehaft. „Uncanny valley“ nennt man dieses Paradox in der Wahrnehmungspsychologie. Zemeckis hält dennoch leidenschaftlich daran fest. Für Disney baut er sogar ein neues „Perfcap“-Studio auf. Der Grund: Es gibt kein anderes Verfahren, das sich so gut zur Herstellung dreidimensionaler Filme eignet. 3D aber ist für die Filmindustrie ein hell leuchtender Hoffnungsschimmer, wenn es darum geht, die Zuschauer von den Flachbildschirmen daheim wegzulocken. James Cameron, Steven Spielberg, Peter Jackson springen gerade auf den 3D-Zug auf. „Beowulf“ ist ein Testballon: In den USA lief er in 700 3D-fähigen Kinos an.

„Beowulf“ ist weit entfernt von „Back to the Future“ oder „Forrest Gump“ – Filmen, die nicht zuletzt wegen ihres einfallsreichen Einsatzes von Tricktechnik zu Klassikern des Unterhaltungskinos wurden. In einem IMAX-Kino aber ist der Film ein aufregendes Erlebnis. Die üblichen Effekte spielen nur eine Nebenrolle: Jedes Bild hat nun Tiefenstaffelung. Diese wirkt nicht realistisch, sondern wie ein altes, aufgefaltetes Bühnenmodell, und vor allem: Sie ist manipulierbar – ein neues expressives Ausdrucksmittel für Bildgestalter. Zemeckis macht davon nur zaghaft Gebrauch, und doch haben diese Bilder eine ganz eigene Schönheit. Auf DVD wird davon nichts übrig bleiben (in 20 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center). Sebastian Handke

KLASSIK

Moldau

mit Molllust

Dass Herbert Feuerstein ein großer Liebhaber und sogar studierter Kenner klassischer Musik ist, hat sich herumgesprochen. Dass er als bekennender Pessimist eine große Vorliebe für Musik in Moll hat, kann man sich denken. Und so hat Feuerstein im Rahmen der Reihe Klassik für Neugierige des RSB im Radialsystem ein ganzes Programm der „Molllust“ gewidmet. Populäres von Grieg und Dvorák, vor allem natürlich die „Moldau“ von Smetana, auch etwas Mussorgski und Sibelius spielt das RSB unter Stefan Blunier. Schon das fabelhafte Fagottsolo aus den „Bildern einer Ausstellung“ zeigt: Hier wird auch ein etwas klassikfernes Publikum auf höchstem Niveau bespielt. Zwischen den Stücken gibt Feuerstein in gewohnter Bestform den launigen Moderator.

Er versucht gar nicht erst, Musik zu „vermitteln“, sondern unterhält mit Anekdoten. Schubert, so lernen wir, wurde aufgrund seines unappetitlichen Äußeren Schwammerl genannt, und warum Sibelius so früh das Komponieren aufgab, weiß bis heute niemand. Bei aller komödiantischen Redseligkeit gelingt es Feuerstein, auch musikalische Bildung zu verbreiten. So darf der Solocellist eine Tonleiter erst in Dur, dann andächtig-versunken in Moll spielen. Musiktheoretisch ist diese Demonstration leider unsinnig. Aber dafür darf das Publikum Schuberts „Linde vor dem Tore“ dann mit Orchesterbegleitung singen. Ein abwechslungsreicher Abend. Ulrich Pollmann

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