Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Von der Kontrolle

der Kakofonie

Es ist leicht, diese Band zu unterschätzen: The Good Life kommen aus Omaha, Nebraska, wo sie im Schatten der Underground-Ikonen Bright Eyes stehen. Sie sind nach Cursive nur die Zweitband von Sänger und Gitarrist Tim Kasher. Ihr unaufgeregter, formstabiler Indierock erhält Fanzuspruch auf überschaubarem Niveau – es reicht, um einen kleinen Laden wie das Café Zapata zu füllen.

Hier müssen sich The Good Life erst warmspielen. Kashers Gesang scheint für ein paar Songs leicht neben den Melodien zu liegen. Aber seine drei Mitspieler, vor allem die verschmitzte, lässige Bassistin Stefanie Drootin, halten ihn in der Spur. Mit dem entfernt an die Babyshambles erinnernden Katzenjammerblues „On the Picket Fence“ übernimmt Kasher das Ruder. Einmal losgelassen, ist er ein außergewöhnlicher Performer. Als schlummerte ein Höhlenmenschen-Ich in dem unscheinbar-freundlichen Bartträger, verfällt er immer wieder in infernalisches Gebrüll, dessen Essenz Intensität und nicht Lautstärke ist.

Dazu entfesseln The Good Life kontrollierte Kakofonien: Stefanie Drootin bändigt das Gitarrengehacke von Tim Kasher und Roger Lewis mit bratzenden Orgelakkorden, Drummer Ryan Fox rührt zischelnde Synkopen darunter. Der grandios skelettierte Torch-Song „Album of the Year“ lässt die Band dann noch einmal Atem holen, ehe sie sich mit der zehnminütigen Truckabilly-Stampede „Rest your Head“ in ein furioses Finale stürzt. Wer das miterlebt hat, wird The Good Life nie mehr unterschätzen. Jörg Wunder

KLASSIK

Vom Eigenleben

der Klangparasiten

Wer Neuland betritt, setzt zunächst lieber einen Fuß vor den anderen. So war die Jury beim ersten Kompositionswettbewerb des Kammerorchesters Sinfonietta92 gut beraten, mit Brigitta Muntendorf eine Gewinnerin zu küren, die auf die Möglichkeiten des semiprofessionellen Berliner Ensembles eingeht. Die junge Komponistin schafft in „Klangviren“ trennscharf agierende Instrumentengruppen. Im Kammerorchester entstehen dabei innige Verbände, die sich unter der präzisen Leitung des Dirigenten Aurélien Bello im Kammermusiksaal der Philharmonie sogar bis ins finale allegro molto e vivace von Ludwig van Beethovens Erster Symphonie halten.

So weit, so klar. Wie scharf und klirrend sich die Solo-Harfenistin Elsie Bedleem und der Sprecher Eckehard Hoffmann dagegen auch um André Caplets „Conte fantastique“ nach einer Krankheitsgeschichte von Edgar Allen Poe bemühen, das Stück des Franzosen bleibt eine blutleere Komposition. Brigitta Muntendorfs „Klangviren“ dagegen beziehen ihren Reiz gerade aus der ungesunden Reibung: Sauber getrennte Orchestrierung ist hier nur Grundlage für spannende Konflikte, die nicht wie bei Beethoven kontrolliert durchgeführt werden, sondern einfach aus dem atmosphärischen Eigenleben winziger Klangparasiten entstehen. Paul Bräuer

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