Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

KABARETT

Weißwurst

zuzzeln

Die Geschichte Europas, eigentlich der Welt, ist eine bayerische. Man darf zwar, zum besseren internationalen Verständnis, „hischtory“ sagen, wie Gerhard Polt es tut. Hauptsache, der Bayer hatte stets die Nase vorn. Etwa, als er dem Türken in der Schlacht vor Wien das Schnitzel-Rezept entriss. Es gibt der bajuwarischen Verdienst-Beispiele mehr an diesem Bunten Abend mit Gerhard Polt und den Biermösl Blosn am Berliner Ensemble (wieder heute, 19 Uhr 30). Er bietet Folklore-Kabarett von der Verlässlichkeit einer akkurat gezapften Maß. Während das Biermösl-Trio nicht zuletzt erfunden wurde, um auch linke Menschen mit Blasmusik und Alphörnern zu versöhnen, kultiviert Gerhard Polt einen „Scheibenwischer“-Humor, der in politwitzarmen Zeiten die Gemüter mehr wärmt als jede Gabriele-Pauli-Schlagzeile. Polt, wie Sepp Bierbichler eines dieser schützenswerten Grantel-Gewächse, die nur unter extremem Bier- und CSU-Einfluss zu gedeihen scheinen, weiß, welche Anekdoten aus dem Problembärenland er seinem Publikum schuldet. Er kann das nach wie vor gut, das bräsige Derblecken, und es kommt an. Die Geschichte seiner urbayerischen Preziosensammlung – darunter die Haut der Weißwurst, die Angela Merkel beim berühmten Frühstück in Wolfratshausen zuzzelte – ist ein Hit. Selten erleben Theater so viel Applaus. Patrick Wildermann

ROCK

Feuerwerke

abbrennen

Las Vegas lässt grüßen: Umspielt von einem Rahmen aus blinkenden Glühbirnen verkündet ein roter Schriftzug die Botschaft des Abends: The Hives. Willkommen zur großen Rock'n-Roll-Show – mit Betonung auf Show. Die fünf Schweden wurden bekannt, indem sie krachigen Punkrock in schwarz-weißen Maßanzügen präsentierten und die Selbstzelebrierung auf die Spitze trieben. Bei jeder Gelegenheit bezeichnen sie sich als beste Band der Welt. Kurz: The Hives sind Poser. Dass sie sich bei ihrem neuen Album von renommierten Hip-Hop-Produzenten wie Pharrell Williams helfen ließen, war gar nicht so abwegig. Hier geht es um ein rein ästhetisches Spiel mit den großen Gesten des Pop. Sänger „Howlin“ Pelle Almqvist gibt den Showmaster, Fuß auf der Monitorbox, Arm ausgestreckt, und erklärt dem Publikum in der Columbiahalle das Prinzip: „Ihr bezahlt uns in Applaus, wir bezahlen euch in Rock'n Roll“. Das Versprechen hält er. Obwohl alle Bandmitglieder unter Fieber leiden, werfen sie sich entschlossen in ihre Sixties-Instrumente. Trockene Riffs. Vier Akkorde und zweieinhalb Minuten reichen für einen Song. Klingt alles recht ähnlich, ist aber außerordentlich effektiv. Die Band jagt durch das ganze Arsenal ihrer Hits, von „Walk Idiot, Walk“ bis „Hate to say I told you so“. Die aktuelle Single „Tick Tick Boom“ sorgt für den Schlussknall vor der Zugabe. Wenn es im Studio auch nicht mehr richtig funkt, live haben The Hives noch Feuerwerk zum Abbrennen. Kolja Reichert

COUNTRY

Textblätter

aufhängen

Um elf brüllt plötzlich einer durchs Quasimodo. Ein Mann mit hellem Cowboyhut, dunklem Anzug, schweren Arbeitsbotten läuft singend durchs Gewühl Richtung Bühne und klingt wie eine Mischung aus Prediger und Viehauktionator. Sieht aus wie eine Mischung aus Elvis Costello und Helge Schneider, ist aber Kurt Wagner aus Nashville. Heute ohne sein kammermusikalisches Pop-Orchester „Lambchop“, setzt sich Wagner auf einen Hocker, ganz allein, greift sich seine Gibson Roundtop-Gitarre, verschwindet im Bühnendunkel. Manchmal blitzt der Hut im Licht, reflektieren die Gläser der großen schwarzen Brille. Ein „Blackbird“-Song, weiche Akkorde, dunkle Stimme wie ein Windhauch, der sich zwischendrin zu stärkeren Böen bauscht. „Wir können dich nicht sehen!“ ruft jemand. „Macht nichts", sagt Wagner, „ich kann euch auch nicht sehen. Aber ich bin hier!“ Und das ist er mit einer geradezu magischen Präsenz, mit knackender Stimme und frei flatternden Melodien. Zerbrechliche Balladen, in denen plötzlich die Gitarre wild aufpuckert. Nach jedem Song hängt Wagner das Textblatt auf eine Wäscheleine auf Kopfhöhe vor ihm. Da kommt etwas zusammen. Alte Songs, obskure Songs. Ob jemand Fragen hätte? Wo er den Cowboyhut herhabe? Habe ihm seine Frau verpasst. Neues Image. Ob er ein Bier wolle? Nach der Show. Immer mehr Textblätter flattern auf der Wäscheleine. Es ist Kurt-Wagner-Musik, langsam, still, einzigartig. Ein bestuhlter Saal wäre perfekt. H.P. Daniels

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