Kultur : KURZ & KRITISCH

Lucas Vogelsang

COMEDY

Großes Theater,

kleine Geister

Serdar Somuncu pulverisiert die Erwartungen des Publikums im Quatsch Comedy Club schon mit dem ersten Satz. „Sie haben sich vom Spielort blenden lassen“, sagt er. „Es gibt hier heute keine Comedy.“ Ganz bewusst hat sich Somuncu für sein viertägiges Experiment „Meet the real Serdar“ das Epizentrum des deutschen Stehaufwitzes ausgesucht. Er sitzt in einem IKEA-Bühnenbild mit Sessel und Stehlampe, hat CDs und Bücher mitgebracht. Barhocker und Mikro, stehen etwas abseits. Somuncu will von sich erzählen, er hat Prosa-Texte mitgebracht, Theaterstücke für eine Person. Somuncu spielt die Rolle seines Lebens auf der Suche nach dem ultimativen Theater-Abend. Doch das Publikum reagiert ungehalten auf das literarische Solitaire. Es will nicht ernst. Es will lustig. Und pfeift ihn immer wieder zurück in die Rolle des Schimpf-Tiraden jonglierenden Meckeronkels. Strip für uns, schreit einer. Großes Theater trifft auf kleine Geister. Doch Somuncu wandelt die vom Scheitern freigesetzte Energie in rohe Bühnengewalt um. Befreit von den Fesseln komödiantischer Gefälligkeit überschreitet er die letzte moralische Grenze, spielt sich in einen Rausch verbaler Ejakulation. Und jede Punchline trifft: Michel Friedman. Zack. Harald Schmidt und sein Nazometer. Dash. Eva Herman. Bumm. Juden, Türken, Deutsche sowieso. Somuncu ist zurück in seiner Rolle und am Ende, leer und ganz bei sich. Lucas Vogelsang

KLASSIK

Schönheit und

Vergänglichkeit

Zeitsprung im Kammermusiksaal: Wenn sich Richard Goode an den Flügel setzt, glaubt man sich zurückversetzt in eine Epoche, in der ein Steinway kein Tastenapparat, sondern ein unerschöpflicher Aquarellkasten war. All die Querelen, wie man Bach, wie man Berg zu spielen habe, scheinen am Klavierspiel des 64-jährigen New Yorkers vorüber gegangen zu sein. Schon die kleine Bach-Auswahl, mit der er den Soloabend beginnt, findet nicht durch rhetorische Zeigefingrigkeit, sondern durch singende Linien zu ungezwungener Ordnung. Die Schönheit als Schlüssel zur Wahrheit – das ist nicht das schlechteste Rezept für Klavierspiel, und die wundersame Spätkarriere, die Goode in den letzten Jahren gemacht hat, beweist, dass es überall Schönheitsdurstige gibt. Auch in Bergs Klaviersonate Opus 1 folgt Goode einfach seinem Klanginstinkt und findet einen Mittelweg zwischen wuchernder Spätromantik und strukturlastiger Moderne. Eine Studie in klimtschen Mattgold. Brahms’ späten Fantasien bekommt diese grandseigneurale Ungezwungenheit natürlich bestens. Unwirsches, Übermut, zärtlich Versponnenes reiht sich in lockerer Folge. Ein wenig schade, dass am Ende, nach drei fein ausgehörten Debussy-Preludes, Chopin steht. Das heroische Temperament und die stählernen Finger, wie sie die grimme fis-moll-Polonaise bräuchte, besitzt der Anti-Virtuose nicht; auch die Mazurken, Impromptus und Nocturnes siedelt Goodes zu einseitig auf der Sonnenseite des Lebens an. Und mit einem Mal begreift man, dass auch Schönheit manchmal das Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit braucht. Jörg Königsdorf

KLASSIK

Glück und

Versprechen

“The Voice of the Violin“ – der Titel seiner erfolgreichen CD verfolgt Joshua Bell. Er schmückt auch die Deutschland-Auftritte in Berlin und München, für die sich der Stargeiger das Seriöseste überhaupt ausgesucht hat: Sonaten! Denn er setzt immer wieder sein Künstlertum gegen alle Vermarktungsstrategien. So gewinnend locker sein Auftreten in der voll besetzten, vor Begeisterung vibrierenden Philharmonie auch ist – an seiner Ernsthaftigkeit lässt Bell keinen Zweifel. Höhepunkt geistvoller Interpretationen wird so Beethovens Sonate G-Dur op. 96, ein in lyrischer Lieblichkeit das „Titanen“-Klischees widerlegendes Werk. Bells unbestechlicher Reinheit, der Sanftheit seines Tons, die schon ein paar aufstrebende Tonleitern oder Repetitionen zum Glücksversprechen machen kann, entspricht sein Klavierpartner Jeremy Denk mit unendlich feiner Anschlagspalette. Die Sorgfalt der Nuancierung sorgt auch bei Schumanns Sonate a-Moll für vorbildliche Klangbalance. Einfacher ist Edvard Griegs c-Moll Sonate gestrickt, ein weites Panorama romantischer Folklore. Hier entzückt die Delikatesse des Duos, herz- und schmerzgeschwängerte Töne, die sich im Diskantgewölk auflösen oder auch mal tänzerisch austoben können. Isabel Herzfeld

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