Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Zitterpartie

mit Zappelmonster

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: Herbert Fritsch, einst der spielwütigste Hasardeur des Castorf-Ensembles, sucht das pure Adrenalin. In der Schauspiel-Video-Musik-Collage „Angst“, die unter dem Label der Performance- Gruppe Boxen-Team entstanden ist und jetzt Berlin-Premiere im schönen Theater Engelbrot feierte (wieder am 24.11.), wird eine Internationale der Phobien beschworen. Gemeinsam mit Sabrina Zwach kalauert sich der Schauspieler durch eine 90-minütige Zitter-Party, die hemmungslos assoziativ und radikal selbstreflexiv die Angst des Schauspielers vor dem Verschwinden beleuchtet. Zwach moderiert den Abend im Geiste Evelyn Hamanns hübsch-grotesk durch falsche Hasenzähne an, bevor Kollege Fritsch als komplett gesichtsbandagierter, weil kosmetisch operierter Wiedergänger des Furchtgottes Pan auftritt – und nach erfolgter Entbindung erst mal seine Erscheinung im Spiegel bewundert. Das Eitelkeitenspiel wird zum roten Faden, ebenso Fritschs Koketterie mit seinem Image als Volksbühnen-Berserker, die bisweilen mit ihren Theater-Insider-Scherzen bewusst an die Grenze des Enervierenden geht. Am Ende treten beide im Angsthasenkostüm auf, und Fritsch liest mit langen Ohren aus der Apokalypse. Erschreckend gut! Patrick Wildermann

KLASSIK

Klarheit

als Wahrheit

Intelligenter Mut zu Ungewöhnlichem und eine fast schon beängstigende Solidität machen Simone Dinnersteins Deutschland-Debüt im Kammermusiksaal bemerkenswert. Das Programm lässt sich getrost spröde nennen, aber mit welcher Glut wird es von Dinnerstein belebt! Die frühen Variationen Aaron Coplands türmen ihr verstörend reduziertes Tonmaterial kraftvoll auf, das später in atemberaubende, rhythmisch vertrackte Sprünge zersplittert. Die Leichtigkeit, mit der die Pianistin dies bewältigt, verführt sie niemals zur Lässigkeit. Jeder Ton ist in wunderbarer Anschlagskunst genauestens zu hören und erhält sein Gewicht im Gesamtgefüge. Dies befähigt Dinnerstein, Anton Weberns Variationen op. 27 vom kühlen Strukturalismus avantgardistischer Exegeten zu befreien, sie zur hauchzarten, dramatisch aufglühenden Klangrede zu machen. Die fünfte Französische Suite von Bach wiederum zeigt sich in luzider Klarheit als Wurzel aller Variationskunst, der auch ein Zeitgenosse wie der Amerikaner Philip Lasser in seinen „Variationen über einen Bach-Choral“ huldigt. Mit deren Brahms’scher Schwerblütigkeit den Bogen zu Beethovens letzter Klaviersonate op. 111 schlagen zu wollen, war eigentlich überflüssig. Doch Dinnerstein spürt so genau und zugleich voll risikofreudiger Intensität dem Werktext nach, dass klar wird: Diese junge Künstlerin weiß ganz genau, was sie will. Isabel Herzfeld

ARCHITEKTUR

Wohne lieber

ungewöhnlich

Anlässlich des 50. Jubiläums der Interbau ist viel über die Architektur des Hansaviertels geschrieben worden, Erfurchtsvolles wie Polemisches. Etwas kurz gekommen sind dabei die Bewohner der denkmalgeschützten Bauten. Wie sie sich eingerichtet haben in der Nachkriegsmoderne, zeigt derzeit das Buch- und Ausstellungsprojekt Wohnlabor Hansaviertel – Geschichten aus der Stadt von morgen (Buch: Amberpress, Berlin, 19,80 Euro; Ausstellung: Haus Baumgarten, Wohnung Ebell/Ritschl, Altonaer Str. 1, Di–Fr 15 bis 19 Uhr, Sa u. So 13 bis 19 Uhr, Eintritt frei). Die Fotografin Lidia Tirri realisierte gemeinsam mit neun Journalistinnen insgesamt 17 Porträts in Wort und Bild. Anders als etwa die November-Ausgabe des Magazins Wallpaper sieht Lidia Tirri das Hansaviertel nicht als aseptisch-heile Design-Welt, sondern als einen heterogenen Ort, an dem junge Familien und alleinstehende alte Menschen, Wohlhabende und weniger Begüterte leben. Einziger Wermutstropfen: Leider steht die Privatwohnung, in der die Ausstellung sich präsentiert, derzeit leer. Für die intimen Fotografien wäre aber gerade eine belebte Wohnung der angemessene Rahmen gewesen. Die Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekämper bringt es im Gespräch mit dem Tagesspiegel auf den Punkt: „Das Gebäude an sich ist ein Neutrum. Zum Baudenkmal wird es erst durch die Menschen, die hinzukommen.“ Lidia Tirri bringt uns die Menschen nahe. Jens Müller

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