Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Geigenkratzer

im Unterholz

Wann passiert es schon mal, dass bei einem klassischen Konzert das modernste Stück den meisten Applaus einfährt? Beim Auftritt des Hagen-Quartetts im Kammermusiksaal ist das Bravometer eindeutig: Nicht Mozart oder Janacek, sondern Jörg Widmanns 2003 uraufgeführtes Jagdquartett schießt in der Publikumsgunst den Vogel ab. Kein Wunder, denn fetzige Einsätzer nutzten die Klangmöglichkeiten der vier Instrumente für eine ganze Fuhre lautmalerischer Denksportaufgaben: War das Kratzen der zweiten Geige hinterm Steg der letzte Seufzer einer Hirschkuh? Hat der unwirsche Bogenschlag der Viola eine Ladung Schrotkugeln abgefeuert? Und versucht diese Wildsau von einem Cello nicht gerade, mit Knacken und Prasseln auf dem Resonanzkörper durchs Unterholz zu brechen? Die Hatz macht einfach Spaß und funktioniert in der Dramaturgie des Abends zugleich als Erfrischungspause zwischen den beiden ernsten Abteilungen. Sowohl das zweite, 1928 entstandene Quartett von Leos Janacek wie Mozarts d-moll-Werk spielen die Hagens als Musik des inneren Nachklingens. Absichtsvoll unspektakulär formulieren sie schon den Beginn des d-moll-Quartetts als Echo auf etwas Entschwundenes, die diskursiven Entwicklungsgänge des Sonatensatzes sind keine geistreiche Konversation, sondern affektive Stufen eines Verarbeitungsprozesses. Nicht das Ereignis selbst, sondern seine Wahrnehmung ist die Hauptsache, der Bogen zum zweiten Janacek-Quartett, das diese Devise schon in seinem Titel „Intime Briefe“ trägt, schlägt sich so ganz von selbst. Anders als tschechische Quartette, bei denen diese Musik oft zu lieb klingt, spielen die Hagens die gleißende Härte dieser Musik unnachgiebig aus – die folkloristisch aufgeputschte Lebensgier des 74-Jährigen gewinnt so eine geradezu selbstzerstörerische Unbedingtheit. Ein großer Abend eines großen Streichquartetts. Jörg Königsdorf

POP

Kosmonauten

im Kometenschweif

Sein Renommee als Plattenkünstler mag durch ziellose Hyperaktivität etwas gelitten haben. Aber hier kommt Ryan Adams, der Konzertmusiker: Den Schopf von einer grünen Pudelmütze gebändigt, raunzt er eine launische Begrüßung in die abgeteilte, wohlig beheizte Arena. Dann stürzt er sich mit den Cardinals kopfüber in den glühenden Southern Rock von „When the Stars go blue“. Hymnische Gitarrenchorusse, präziser Satzgesang, federnde Rhythmussektion – man könnte glauben, die seligen Allman Brothers stünden auf der Bühne. Die Cardinals sind weit mehr als eine Begleitband. Adams liefert sich rauchende Gitarrenduelle mit Neil Casal, die Jon Graboff auf der Pedal Steel Guitar flinkfingrig sekundiert. In kollegialer Eintracht werden glasklare Gesangsharmonien dargeboten, aus denen Adams leidenschaftliches Organ herausragt. Nach der makellosen Schönheit von „Cold Roses“ gerät „Easy Plateau“ zum unvergesslichen Gesamtkunstwerk: Die Lichtregie zaubert einen funkelnden Sternenhimmel, vor dem sich die Cardinals wie verlorene Kosmonauten im Kometenschweif bewegen. Dazu navigieren sie durch einen tosenden Songstrom, der von zartesten Gesangsharmonien bis zu minutenlangem Lärmrauschen und wieder zurück mäandert. Im zweiten Set sitzt Ryan Adams zeitweilig am Klavier, die Band spielt zerbrechliche Country-Balladen, rustikalen Bo-Diddley-Boogie, wüste Lärmexkursionen. Und immer wieder sämigen Southern Rock. Nach zweieinhalbstündiger, grandioser Performance muss Abbitte leisten, wer je Zweifel an Ryan Adams gehabt hat. Wir nehmen alles zurück und behaupten das Gegenteil. Jörg Wunder



KLASSIK

Bruckner auf den

fünften Blick

Festival für eine Symphonie: Die erste Halbzeit der Berliner Konzertsaison hat uns die Rarität beschert, dass Anton Bruckners Siebente in fünf (!) Interpretationen zu erleben war. Passte sich diejenige unter Herbert Blomstedt in ihrem schmerzlosen Klang noch dem hellen August und seiner Young Euro Classic an, so erzählte Kurt Masur mit dem Orchestre National de France mehr von den Geheimnissen der Partitur. Als Meister majestätischer Dreiklänge faszinierte Barenboim mit der Staatskapelle, worauf Stanley Dodds die bescheideneren Mittel seines Sinfonie Orchesters Schöneberg zu überzeugender Präsenz aktivierte.

Nun kommt Marek Janowski mit seinem hochmotivierten Rundfunk-Sinfonieorchester zu dem Werk, das dem „ heißgeliebten unsterblichen Meister“ Richard Wagner ein Denkmal setzt. Mehr als bei allen anderen wirkt bei Janowski der Akkord mit dem umstrittenen Beckenschlag theatralisch und empfindsam zugleich. In großer Selbstverständlichkeit verbindet dieser getreue Kapellmeister persönliche Emotion mit Kontrolle. Die Generalpause als Fermate des Schweigens oder, abrupt, als schwarze Stille zum Atemholen, im Adagio das milde Lamento des Abgesangs, der schon ein Elysium ist: So erhält die Serie der E-Dur-Symphonien ein schönes Fazit in der Philharmonie. Dazu gehört, dass die letzten neun Takte mit Ruhe ausmusiziert werden, weil das Tempo „steht“ wie das dreifache Forte. Das schafft kaum jemand so wie Janowski. Bo Skovhus ist ein Sänger, der Liedtexte zu gestalten weiß. Er vollbringt das Kunststück, die „Jedermann“-Monologe von Frank Martin in ihrer sublimierten Angst, Reue und Gläubigkeit nachfühlbar zu machen: „Dass du am Kreuz bist gestorben / Und hast all unsre Seelen erworben.“ Sybill Mahlke

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