Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Das Prinzip

Schönklang

Knapp dreißig Lieder auf Gedichte des „Schläft ein Lied in allen Dingen“-Autors Joseph von Eichendorff, dessen 150. Todestag gestern begangen wurde, das stellt hohe Ansprüche an den, der sie auswendig singt, wie es der Bariton Dietrich Henschel im Konzerthaus nun souverän tut, doch auch an den, der dabei am Klavier sitzt und sich auch vor den schweren, spröden Stellen in den Vertonungen Hans Pfitzners oder Hugo Wolfs nicht fürchten darf: so Fritz Schwinghammer, timbrestarker Erfüllungsgehilfe für den Solisten mehr als keck dreinkommentierender Pianist. Es ist ein Abend, der dem Lied vielerlei Gefallen tut. Henschels warm unterkellerter Bariton nimmt sich auch der allerkleinsten Vokalverfärbungen mit Sorgfalt an. Keine Bedeutungsnuance dieser kunstvollen Gebilde geht verloren, nicht bei einem so uneichendorffischen Gedicht wie dem hochfahrenden „Zorn“, von Pfitzner vertont, auch nicht bei der berühmten „Mondnacht“ von Schumann.

Zugleich findet dieser Abend vor spärlichem Publikum statt – schlimmer noch, es steht zu vermuten, dass er so, wie er sich gibt, kaum weitere Zuhörer ziehen würde. Denn es klirrt und klappert nicht auf der Bühne im Kleinen Saal. Man wird nicht ausfällig, nicht aggressiv und schon gar nicht überschwänglich, sogar im großen, überschießenden Schlusslied des Schumann’schen Liederkreises op. 39 nicht. Bis zur Maniriertheit pflegt man das Prinzip „Schönklang“; Henschel scheint vor lauter Bemühen um Sinngebung und perfekte Timbrierung mitunter zu vergessen, dass diese Lieder auch ganz einfach für sich und von sich sprechen können. Christiane Tewinkel

THEATER

Das Konzept

Aufklärung

Nicht nur die Aprilhitze drückt den jungen Freunden Rina (Julia Schubert), Paul (Daniel Jeroma) und Kevin (Robert Neumann) aufs Gemüt, vielmehr leiden sie unter der Ignoranz der Erwachsenen. Die nämlich wollen im Stück „Prima Klima“ für Menschen ab 10, das am Grips-Theater in der Regie von Thomas Ahrens uraufgeführt wurde, partout nicht von ihrer CO2-intensiven Lebensweise abrücken. Außerdem verbieten Rinas Mutter (Ester Daniel) und Pauls Vater (Jörg Westphal) jeden Kontakt mit dem alten Professor Abendroth (Dietrich Lehmann), der als vermeintlich gefährlicher Kauz in einem kleinen Garten lebt und sich weigert, der Schnellstraße zum neuen Einkaufszentrum Platz zu machen. Dabei war es Abendroth, der den Kindern die Augen geöffnet hat, als sie ungeachtet aller Warnungen über seinen Zaun kletterten. Er ist nämlich ein renommierter Klimaforscher, der einiges über den Treibhauseffekt zu erzählen weiß. Dieses globale Lehrstück des Grips-Dramaturgen Fabian Scheidler ist als offizielles Projekt der Unesco ausgezeichnet worden, und es erfüllt seinen pädagogischen Auftrag so kurzweilig wie unverkrampft. Die Verbindung Enid-Blyton-hafter Abenteuer-Motive mit populärwissenschaftlichen Einführungen ins Thema Klimawandel geht auf, das junge Publikum folgt gebannt den gut gespielten, flott inszenierten Szenen – bis zum umjubelten Schlusssong „Weniger ist mehr“ mit seinen eingängigen Zeilen: „Zu viel Sonne, zu viel Licht, machen Falten im Gesicht.“ Patrick Wildermann

VERSALIEN

Der Faktor

Spaßgesang

Erdmöbel war angeblich das Wort für Särge in der DDR. Früher nannten sich die Erdmöbel The Coffins, Särge auf Englisch. Seit 1995 singen sie deutsch und klingen ein bisschen nach Keimzeit und Die Sterne und den vielen anderen aus der Ex-DDR und Hamburg. Sind aber doch ganz anders, sind doch aus Köln. Witzeln über Düsseldorf, heute in Berlin: Frannz. Graue Anzüge, Krawatten, Brillen, brav frisiert. Als hätten sich Lehrer, Versicherungsagent, Arzt und Bundestagsabgeordneter, die mal eine Beatband hatten, wieder zusammengetan, um ein paar Hits zu spielen. Wüstes Durcheinander wie im Festzelt: Tom Jones, Bee Gees, Kraftwerk, Robbie Williams. Die Erdmöbel trauen sich was und begeistern damit – jubelndes Getöse. Dieser stillose Partymischmasch wäre ungenießbar, würden die Erdmöbel englisch singen. Durch die deutschen Textübertragungen bekommen sie einen ironischen Drall. Wenn Markus Berges artig singt: „Wir wollen euch doch nur unterhalten!“ in „Riecht nach Teen Spirit“, der gezähmten Version des Nirvana-Hits. Wenn gleich danach „Einer wie wir“ kommt, Joan Osbornes „One Of Us“, und ein im Original schon schwer erträglicher Kylie-Minogue-Song mutiert zu „Aus meinem Kopf“ mit schwerem Gerumpel und Lall-Lall-Lah-Mitsingchor.

Es geht ums Mitmachen bei den Erdmöbeln. Mitsingen. Mittanzen. „Auf und ab“ mit lustigem Karibik-Wackeln. Und jetzt alle: „Ah haa nah bei dir!“ Es hat etwas von Karneval und Sentimental-sein-dürfen bei lieblichen Harmonien, Wechseln von Dur nach Moll. Nach einer Stunde sind sie durch mit den Hits vom neuen Album. Im Zugabenteil spielen die Erdmöbel ihre Songs von früheren Alben. Lieder wie „In den Schuhen von Audrey Hepburn“ oder „Dreierbahn“ sind netter Schlager-Pop. Dann singt Markus Berges: „Ich wünsche mir ein Lied über gar nichts, eins, das fällt und verglüht!“ H. P. Daniels

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