Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Luger

ROCK

Studenten

mit Bäuchlein

„Das ist das letzte Konzert, wir sind schon ein bisschen müde“, erklärt Gravenhurst-Sänger Nick Talbot. Tatsächlich ist der Auftritt im Berliner Lido ein Musterbeispiel dafür, wie Popmusik auch ohne große Gesten und Inszenierung funktionieren kann. Gravenhurst sind unscheinbar: Vier Studententypen aus Bristol in Hemden, unter denen sich erste Ansätze zum Bäuchlein abzeichnen. Besonders hip ist das nicht, aber ein Kontrast zur siebzehnten sorgfältig gestylten Londoner Gitarrenband.

Talbot verzichtet auf Zwischenansagen oder sonstige Showelemente. Das passt zum introvertierten, feingliedrigen Rock der vier Gravenhurst-Alben. Musik, die der Zuhörerschaft Konzentration abverlangt. Das zeigt sich vor allem in den Instrumentalpassagen, die das Konzert eröffnen. Kein gesungenes Wort, stattdessen ein hämmerndes Schlagzeug, ineinander verschachtelte Gitarrenriffs und der Bass, der alles irgendwie zusammenzuhalten versucht. Wenn Nick Talbot doch einmal singt, dann mit so heller Stimme, dass es neben der Musik kaum vernehmbar ist. Widrige Umstände, könnte man meinen, doch bei Gravenhurst ist das stimmig und strahlt. Als Finale gibt’s mit einer wütenden Gitarrenfeedbackorgie dann sogar noch ein Zugeständnis an Rock-Konventionen. Michael Luger

KLASSIK

Damen in

Stilettos

„Frauen in Salon und Serail“ heißt es fast ein wenig zu märchenhaft im Kammermusiksaal der Philharmonie. An diesem Abend treten nur Frauen auf; den einzigen Mann hat man demonstrativ als Umblätterer für Cordelia Höfer ans Klavier gesetzt. Souverän und geerdet wie stets, begleitet sie die philharmonische Geigerin Kotowa Machida bei Clara Schumanns Drei Romanzen op. 22, strömend-schönen Stücken, die auf den Klangreichtum eines Richard Strauss vorauszuweisen scheinen. Mit dem temperamentvollen Klavierquartett As-Dur der knapp siebzehnjährigen Fanny Mendelssohn Bartholdy, vom Venus Ensemble Berlin mit Strahlkraft gespielt, schließt der abendländische Teil vor der Pause, und danach übernehmen die Frauen vom Istanbuler Ensemble Harem’de Nese mit Tänzen, Volksliedern und Musik, die für den Istanbuler Hof des 18. und 19. Jahrhunderts komponiert wurde.

Er wolle, wird ein Konzertbesucher am Ende des Abends sagen, nur noch in Frauenkonzerte gehen. Tatsächlich! Denn in so hellen Arabesken winden sich die Stimmen der drei türkischen Vorsängerinnen, so elegant ranken sich die Arme der sechs klassischen Tänzerinnen, die mit zarten Schritten umeinanderstreichen, so gesangsartig tönt die Fiedel von Mahinur Özüstün, so sehr schließlich hat Safinaz Rizeli an der Kastenzither trotz Abendkleid und atemberaubend hoher Stilettos die Hosen an, dass man sich verbeugen möchte vor den Damen und ihrer west-östlichen Konzertreihe „Alla turca. Ein kultureller Dialog“ (nächstes Konzert: 4. Februar 2008). Christiane Tewinkel

KLASSIK

Klappernde

Skelette

Seinen Ruhm als Komponist verdankt Mauricio Kagel Werken wie den „10 Märschen um den Sieg zu verfehlen“ oder „Staatstheater“. Sein Talent zum Skurrilen und Politischen trug ihm den Ruf des respektlosen Bürgerschrecks ein. Wo Kagel auf Theatralisches und Humoristisches verzichtet, tut er sich schwerer, denn eine eindringliche individuelle Klangsprache hat er nie entwickelt.

Dafür brillieren die drei Werke, die das Ensemble musikFabrik gemeinsam mit dem RIAS Kammerchor unter James Wood im Kammermusiksaal aufführt, mit kunstvollen Textcollagen. Gleich „Quirinus’ Liebeskuss – der Wechsel menschlicher Sachen“ nach einem religiös-schwärmerischen Gedicht aus dem 17. Jahrhundert türmt Worte des Schreckens und der Lust kunstvoll übereinander. Kagels Techniken, gute und böse Begriffe in unterschiedlichen Rhythmen zu gruppieren, sind kaum beim ersten Hören zu ergründen. Auch die vom Rias Kammerchor jüngst in Auftrag gegebene Collage „Verborgene Reime“ ergeht sich in abstrakten Wortballungen. Und in den gespenstischen Szenen des „Mitternachtsstük“ nach Tagebuchnotizen von Robert Schumann zeigt sich Kagel dann doch von seiner skurrilen Seite, entwirft ein skelettklapperndes Pastiche romantischer Überreiztheit um Gottes- und Todessehnsucht. Ulrich Pollmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben