Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Spleißen

statt Gleißen

Und wieder ein Abend, bei denen einem bang werden kann um die Philharmoniker: Wo ist er geblieben, der berühmte Streicherklang? Die Form, in der sich das einst beste Orchester der Welt unter Sakari Oramo präsentiert, erinnert an den zerkratzten Parkettboden eines alten Schlosses. Der Lack ist ab, die Schönheit lässt sich nur erahnen. Leoš Janáceks Orchesterrhapsodie offenbart das unbarmherzig in der Philharmonie: Das Gleißen, das Janácek den Geigen in der hohen Lage abfordert, wird zum Spleißen.

Von der ekstatischen Anspannung, die diese Episoden zur Erzählung zusammenzwingt, ist nichts zu spüren. Woran Oramo, Rattles Nachfolger in Birmingham, nicht ganz unschuldig ist. Im Gegensatz zu seinen bisherigen Auftritten mit den Philharmonikern beschränkt sich der Finne auf begrenzt erfolgreiche Verkehrsregelung. Mehr ist auch bei Strauss’ „Zarathustra“ nicht drin: Völlig atmosphärefrei bleiben so stimmungsvolle Episoden „Tanzlied“ und „Nachtwandlerlied“, durch die die unter schweren Intonationsproblemen leidende Solovioline torkelt. Mag sein, dass die kurzfristige Absage von Starsopran Karita Mattila für Nervosität gesorgt hat. Als Einspringerin macht die Ehefrau des Dirigenten, Anu Komsi, mit einer Rarität bekannt: Sibelius’ Kantate „Luonnotar“ wird zum Lichtblick des Abends. Nicht weil das mythologisch versponnene Stück die bessere Musik ist, sondern weil da plötzlich jemand steht, der etwas zu erzählen hat (wieder heute, 20 Uhr). Jörg Königsdorf

VOLKSLIED

Strahlen

und Schmelzen

Was die Schotten unter den Röcken haben, das erfährt man an diesem Abend im Tipi Zelt am Kanzleramt nicht. Der versprochene Handstand bleibt trotz heftiger Beifallsstürme aus. Dafür überraschen die die schottischen Tenöre von Caledon mit anderen Erkenntnissen: Dass es den Schottenrock nicht nur in Karo gibt, sondern auch in Schwarz, ganz in weiß und in orangener Ausführung. Oder dass viele Lieder ihren Ursprung als Volkslieder in den Highlands haben, darunter „Nehmt Abschied, Brüder“. Alan Beck, Ivan Sharpe und Jamie MacDougall singen seit langem im Wagner-, Strauss- und Mozartfach und haben sich vor einigen Jahren aus Liebe zur schottischen Heimat zusammengetan. Strahlend und mit tenoralem Schmelz, verbergen sie ihre Opernbühnen-Herkunft nie.

Ihre neue Weihnachtsshow „Let it snow“ (am Flügel: Michael Barnett) installiert Kitsch als Prinzip, bei dem „ Schneeflöckchen, Weißröckchen“ sich in einen schottischen Tanz und einen Schuhplattler wandelt. Bei allem Spaß wird deutlich: Die drei empfinden tiefe Liebe für die deutsche Liedtradition (bis 26.12., Di - Sa, 20.30 Uhr; So, 19.30Uhr). Udo Badelt

ROCK

Beißen

und Reißen

Alle strömen nach vorne, ganz dicht an die Bühne vom Lido. Man hört eine seltsame Poesie: „Oh! Oh, I think, maybe I don’t think, the mic is on!“ Die weiche, entschiedene Stimme von Vic Chesnutt: Er singt ganz leise und spielt ein paar einfache Akkorde auf seiner spanischen Gitarre. Von hinten sieht man Wollmütze, hochgezogene Schultern. Dann reißt er den Mund weit auf, und die Band, die sich im Halbkreis um seinen Rollstuhl gruppiert hat, kracht los. Zwei Hochspannungsgitarren, Schlagzeug, Bass und einer Geigerin. Wird ganz schwirrend, um wieder anzuschwellen und in Stille zu versinken. Der 43-jährige Songwriter aus Athens, Georgia, ist seit einem Autounfall vor 24 Jahren gelähmt und kann nur sehr einfach, aber wirkungsvoll Gitarre spielen.

Den ganzen Ausdruck legt er in seine Songs und seinen Gesang, von ruhigen warmen Folkklängen bis zu zornigem Schreien. Vage Erinnerungen werden wach an die düstere Schwere der englischen Band Van Der Graaf Generator um 1970 und deren Sänger Peter Hammill. Chesnutt beißt in die Saiten der Gitarre, reißt daran mit den Zähnen, spricht seine Poesie, schreit Mutmachparolen. Nach zwei Stunden Intensität, die an die Schmerzgrenze stößt, lässt er sich von der Bühne hieven, um im Foyer mit den Fans zu plaudern. H.P. Daniels

ARCHITEKTUR

Flüstern

und Strömen

Am Nachmittag werden die Arbeitsplätze belagert, im Flüsterton diskutieren Studenten. Keine Frage, die neue Bibliothek der Dresdner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) wird angenommen. Entworfen hat den ruhigen Bau mit seiner grünlich schimmernden Betonfassade das Berliner Architektenduo Reimar Herbst und Angelika Kunkler. Derzeit wird die Bibliothek in Berlin vorgestellt: in der Architektur Galerie Berlin (Karl-Marx-Allee 96, bis 15. 12.).

In Sichtweite des von Norman Foster umgebauten Dresdner Hauptbahnhofs errichtet, ist sie ein Schmuckstück auf dem Campus der HTW. Fachbücher im Rücken, blickt man durch große Fensteröffnungen auf den Innenhof. Selbst im Dämmerlicht des Spätherbstes verliert sich nie der Bezug zur Außenwelt. Mit hohen schmalen Fensterformaten gibt sich die Bibliothek von außen streng und konzentriert, ganz im Duktus des Rationalismus. Im Inneren entfaltet der Bau eine unerwartete Note, nicht nur durch den Innenhof, den man so nicht vermuten würde. Vor allem die neuartigen Glassteinscheiben aus portugiesischem Marmor tragen dazu bei. Sie bieten vor der Sonne Schutz und lassen dank ihrer auffälligen Maserung ein freundlich warmes Licht in die Räume strömen. So wird Lernen sinnlich.Jürgen Tietz

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