Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

POP

Millionen Legionen,

Tage am Meer

Es passt, dass Die Fantastischen Vier den Hangar 2 im Flughafen Tempelhof als Konzerthalle einweihen. Rapper Smudo landet hier gerne mit seinem Privatflieger. Die erfolgreichsten Hip-Hop-Künstler deutscher Sprache gehören zur ersten Generation, die mit Videospielen und Superhelden-Serien groß geworden ist und mit dem Lebensgefühl: Die Welt ist groß, das Leben eine Party, alles ist machbar. Das strahlen sie bis heute aus. Auch wenn die Herren alle fast 40 sind, springen sie auf und ab, als wollten sie ihr ewiges Recht auf Jugend einklagen. „Ey Berlin! Gangsterrap!“ scherzt Michi Beck, der Sido später mit einem Totenkopf-T-Shirt würdigen wird. Freilich machen Fanta 4 schon immer intelligenten Mittelstands-Pop. Unter den 4500 Zuschauern sind auch ergraute Herren und Kinder auf den Schultern ihrer Eltern. Von „Ich krieg’ nie genug“ bis zur letzten Single „Einfach sein“ folgen Hits aus 16 Jahren. Die Band rockt präzise, die Reime sitzen, die Sensation aber ist die Technik. Zu „Millionen Legionen“ gleitet Thomas Ds Schatten über einen riesigen grünen Glitzerhimmel, dann senken sich gewaltige Lampenschirme von der Decke und entpuppen sich als Videoleinwände. Zur Zugabe erklimmen Fanta 4 eine zweite Bühne in der Hallenmitte. Am Ende gibt’s noch, was will man mehr – „Tag am Meer“. Kolja Reichert

JAZZ

Grimassen,

Eskapaden

Eine Synkope bezeichnet rhythmische Verschiebung: durch die Bindung eines unbetonten Notenwertes an den folgenden betonten. Dramaturgisch verkneift sich Weintraubs Jazz Odyssee solche Überraschungen. Wenn am Jazzhimmelstor der Neuköllner Oper (wieder am 1., 2., 6., 7., 9. Dezember, 20 Uhr), der entschlafene Bandleader (Jan-Geer Buss) mit Promo-Texten den Weltruhm von „Weintraubs Syncopators“ umständlich belegt, schleift der Spannungsbogen. Bald weiß jeder im Parkett, dass die 1924 entstandene Amateurjazztruppe ein Unikat war: fantasiestrotzend, mit 50 Instrumenten vertraut, verkleidungslustig anarchisch. Berlin ist wild, die Musiker sind jüdisch, Nazis ante portas. Fakten, die kaum berühren – die Figuren der Rückblende agieren ohne biografische, persönliche Kontur.

Statt aus trotziger Betonung der doppelten Opferrolle (vertrieben & vergessen) Spannung zu konstruieren, hätte das Stück die unerhörte Negermusik auch mit dem Mief der Zwischenkriegskultur konfrontieren oder Funken schlagen können aus Tourneeabenteuern der Emigranten. So verwehen die Klischees der Erzählung von Eva Blum und Matthias Witting. Uns bleibt der Nonsense („Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo“) und die Pracht-Band (Leitung: Alexander Klein): acht Stimmen, Schlagzeug, Banjo, Bass, Saxophone, Piano, Trompete, Posaune, Tuba, Geige. Kostüme, Grimassen, Eskapaden. Triumph der Synkopen! Thomas Lackmann

ARCHITEKTUR

Steile Dächer,

schwebende Wände

Zürich ist anders. Nicht nur wegen des diskreten Charmes seiner Privatbanken. Zwischen Limmat, Sihl und Oberdorf entfacht die kleine Stadt eine überraschende Vielfalt von stimmungsvollen Orten. Die Tradition der „europäischen Stadt“ in ihrer spezifisch Schweizer Ausprägung – hier lebt sie zwischen steilen Dächern, Fensterläden und einer atemberaubenden frühen Moderne. Welche Innovationen besonders der aktuelle Städtebau in Zürich bietet, zeigt eine Ausstellung in der Galerie Aedes (Christinenstraße 18/19, bis 18.1., Katalog 10 €). In sieben Zimmern mit „schwebenden“ farbigen Wänden stellt sie sieben Zürcher Entwicklungsgebiete vor: von der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule über das Bahnhofsareal bis zur nächtlichen Beleuchtung der Stadt. Dabei wird deutlich, dass Stadtplanung in Zürich keineswegs als gottgegebenes Dogma der Verwaltung betrieben wird, das in Form eines Planwerks auf Stadt und Bürger herabsinkt. Vielmehr steht Zürich beispielhaft für den Umbruch der aktuellen Stadtplanung. Kleinteilig und auf die vorgefundenen Situationen reagierend, rückt der Prozesscharakter von städtebaulicher Entwicklung in den Vordergrund. Dahinter steht eine Auffassung von Stadt, die die Öffentlichkeit stärker in die Planung einbindet. Zwar wird auch in Zürich nicht jedes verwirklichte Projekt den Idealvorstellungen gerecht. Von dem Prozess aber, Stadt nicht allein als historisches Bild zu begreifen, sondern als die Summe ihrer Orte, kann Berlin profitieren. Immerhin: Mit dem Import der Zürcherin Regula Lüscher als Nachfolgerin des Dogmatikers Hans Stimmann hat Berlin Lernfähigkeit bewiesen. Jürgen Tietz

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