Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Tanzende

Wattebäusche

Wollte man einen Ort festlegen, der für die Romantiker in Berlin am bedeutsamsten war, so wäre der Gendarmenmarkt ein Kandidat. E.T.A. Hoffmann macht ihn zum Schauplatz seiner 1822 erschienenen Erzählung „Des Vetters Eckfenster“, und schon ein Jahr vorher wird das Schauspielhaus mit Webers Oper Freischütz eröffnet. Es ist also nur konsequent, dass das Konzerthausorchester, das hier seinen Sitz hat, jetzt mit Werken dreier Romantiker, die fast hundert Jahre überspannen, an den 150. Todestag des Dichters Joseph von Eichendorff erinnert. Mit dem Griechen Constantinos Carydis, dessen Alceste-Dirigat in Stuttgart 2006 zur Aufführung des Jahres gewählt wurde, hat man sich einen geholt, der zuzupacken weiß. Kraftvoll, als wolle er die an- und abschwellenden Klangmassive mit beiden Armen greifen und formieren, dirigiert er die Freischütz-Ouvertüre. Es sind Arme, die keinen Widerspruch dulden. Scharf grenzen sie die Motive voneinander ab.

Ganz anders, gänzlich ohne Schärfe, tritt dann der italienische Pianist Gianluca Cascioli in Schumanns Klavierkonzert auf. Das ahnungsvolle Drängen und Sehnen im ersten Satz dieses Erzstücks deutscher Romantik wird bei ihm zum schlaffen, weichgespülten Routineakt ohne eigene Akzente. Die scheinbar endlosen Triolenläufe des dritten Satzes, die schon die erste Solistin Clara Schumann so liebte, klingen wie ein Tanz von Wattebäuschchen. Bei Max Regers tonmalerischer romantischer Suite nach Gedichten von Eichendorff ist Carydis dann wieder im Element und zeigt doch, wie zärtlich er sein kann. Aus dem Orchester tönen debussysche Elfentänze. Und wenn Eichendorffs Adler zum Zeuge eines mächtigen Sonnenaufgangs wird, schwillt die Musik über sich ewig dehnende Takte hinweg so organisch an, dass es eine Lust ist, zuzuhören.Udo Badelt

WELTMUSIK

Zauberhaftes

Inferno

Eigentlich hätten Konono No.1 bereits Ende März im Haus der Kulturen der Welt auftreten sollen, doch die Unruhen im Kongo ließen damals die rechtzeitige Abreise nicht zu. Dafür spielen sie nun beim „Worldtronics“-Festival und haben dazu gleich zwei weitere Gruppen aus Kinshasa mitgebracht. Höhepunkt sind aber Konono No.1, deren Sound gerade schwer angesagt ist – sogar Björk hat sich die Truppe für ihr letztes Album ins Studio geholt. Dabei spielt das Kalimba-Orchester traditionelle BazombaTrance-Musik, die seit Jahrhunderten der Geisterbeschwörung dient, allerdings mit dem Clou, dass die Musiker ihre Daumenklaviere mit Eigenbau-Elektronik vom Schrottplatz verstärken und die Musik auf das Energielevel von Acid House und Punkrock bringen – so wie die Bluesmusiker in Chicago ihre Gitarren verstärkten, um im Lärm der Großstadt zu bestehen.

Angeführt wird das Ensemble vom 74jährigen Kalimba-Virtuosen Mawangu Mingiedi, der das Soundsystem seit fast dreißig Jahren am Laufen hält und wie zwei seiner Mitspieler ein Daumenklavier wie eine Steuerung für Modellbauten vor dem Bauch hält, um damit durchdringende Basslinien und rückkoppelnde Obertöne zu erzeugen, die wie verzerrte Rockgitarren aus zwei alten Megaphon-Lautsprechern prasseln. Unterdessen feuern drei Perkussionisten ihre Mitspieler zur Höchstleistung an und ein Tanzpaar animiert mit Wechselgesängen das Publikum. Alles verdichtet sich für zweimal dreißig Minuten zu einem ekstatischen Inferno aus polyphon geschichteten Rhythmen und sich wiederholenden Klangmustern, deren Verzahnung den Gesamtsound in das tobende Zischen tranceartiger Zustände treibt.

Was für ein Zauber! Was für Musik! Kein weichgespülter Ethnokitsch, sondern Weltmusik gegen die Wand gespielt. So etwas können nur Leute, die von ihrer Herkunft wissen. Volker Lüke

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