Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

NEUE MUSIK

Wenn Schalltrichter

schnäbeln

Die Akademie der Künste umrahmt die Ausstellung beyond the wall mit zwei Konzerten, die ehemaligen Gastkomponisten des 1963 gegründeten Berliner Künstlerprogramms gewidmet sind. Es ist ein Wiederhören mit großen Namen der jüngsten Musikgeschichte. Morton Feldman und Steve Reich wurden neben zahlreichen Kollegen in die Stadt geholt, um hier zu wirken. Fremdes sollte sich befruchten, zusammenwachsen. Und das gelang im Akademie-Neubau am Pariser Platz dann ganz überraschend auch zwei Instrumenten: Klarinette und Posaune nämlich hat der früh verstorbene Gérard Grisey in seinem „solo pour deux“ geradezu ineinanderwachsen lassen. Da werden auch schon mal die Schalltrichter inniglich ineinandergeschoben. Das Resultat ist eine Studie über den Ton und dessen Partiale, und auch über deren Entfaltungsdrang.

So erhaben und farbsatt Griseys groß besetzte Werke auch klingen mögen, eine solcherart aus der Kleinstbesetzung alles Erdenkliche herausringende Studie hat eine andere Intensität. Sie überlässt dem Hörer ein Mehr an Assoziationsraum. Und auch „incidendo/fluido“, 2000 von Olga Neuwirth für Klavier und Tonband komponiert, lebt von der Reduktion. Wenig und monochrom gehaltenes Klaviermaterial wird von meist ebenfalls einfachen Tonbandtönen, die ins Klavier abgestrahlt werden, angeregt und akustisch manipuliert. Wieder gelingt es Olga Neuwirth, ihre typische Balance zwischen Starre und Dynamik, Grobheit und Sensibilität gekonnt zu artikulieren. Das Ensemble Modern meistert das Programm mit der üblichen sympathischen und ansteckenden Agilität. Ulrich Pollmann

KLASSIK

Wenn zwei spielen,

freut sich der Dritte

Muss das sein? Nicht nur ökonomisch denkende Konzertveranstalter stellen sich diese Frage. Etwa dann, wenn, wie nun im Kammermusiksaal an einem Abend, statt des üblichen einen Klavierspielers gleich drei namhafte Interpreten antreten, um Johann Sebastian Bachs Goldbergvariationen zu interpretieren. Doch welches Tastenwunder die Konzertdirektion Hans Adler auch immer für den Preis von Julian Rachlin (Violine), Maxim Rysanov (Viola) und Mischa Maisky (Cello) hätte verpflichten können: Sie hätte am falschen Ende gespart. In der Streichtriofassung von Dmitry Sitkovetsky profitiert das Werk unter anderem von jenem psycho-physiologischen Mechanismus, der bewirkt, dass sich kein Mensch – und folglich auch kein Klavierspieler – selbst kitzeln kann: Die rechte Hand weiß unbewusst immer, was die Linke tut.

So lebendig, wie die Jungstars Rachlin, Rysanov und der zwischen ihnen thronende charismatische Edelhippie Maisky die Linien gestalten, so geistesgegenwärtig, wie sie sich Motive und Kontrasubjekte zuwerfen, und so feinfühlig, wie sie mit Ohr und Körper auf ihr Gegenüber reagieren, kann ein einzelner Pianist nicht wirken. Und wenn er es versuchte – er würde manieriert klingen. Doch Rachlin, Rysanov und Maisky verhelfen nicht nur ungehörten Details zum Leben. Auch wenn sie jeder Variation des mit Sondereffekten wie Pizzicati geizenden Arrangements einen starken individuellen Charakter verleihen, sorgen sie mit der gelassenen Konzentriertheit ihres Tuns gleichzeitig und fast unbemerkt für eine beachtliche Tiefenentspannung. Selten kann man eine große Menschenmenge so schön und intensiv schweigen hören wie nach dem Schlussakkord. Nimm drei! Carsten Niemann

ROCK

Wenn Galgenvögel

grätschen

Nach allem, was man hört, sind die Gallows in ihrer britischen Heimat schon ein richtig großes Ding: Sie haben einen Plattenvertrag über eine Million Pfund abgeschlossen und spielen in überfüllten Clubs vor mehreren tausend Fans, die sich zu ihrem zähnefletschenden Hardcore-Punk enthemmte Pogokeilereien liefern. Bis Berlin hat sich das wohl noch nicht rumgesprochen. Im Knaack haben sich vielleicht hundert Neugierige eingefunden, die zunächst eher verhalten auf das wüste Treiben der fünf Galgenvögel aus Hertfordshire reagieren. Sänger Frank Carter, ein sehnig-ausgemergeltes Kerlchen, tobt vor der Bühne herum, schleudert das Mikro bedenklich nah an Zuschauerköpfen vorbei und brüllt wie ein tollwütiger Joe Strummer mit chronischer Mandelentzündung. Sein noch dünnerer Bruder Steph liefert sich mit dem zweiten Gitarristen Laurent Barnard elastische Luftsprungduelle. Erstaunlich, dass sie dabei auch noch unfallfrei ihre Akkorde runterschrubben und kurze Soloschraffuren in die Stücke fräsen. Mit Streichholzbeinen in Röhrenjeans sehen die beiden aus wie hyperaktive Störche im Salat.

Die als Songs getarnten Energieentladungen zeigen bald Wirkung: Zum mit durchgetretenem Gaspedal gecoverten „Nervous Breakdown“ der kalifornischen Punklegende Black Flag kommt Bewegung ins Auditorium. Nach einer Viertelstunde reißt sich Frank Carter das T-Shirt vom Leib und entblößt seine eindrucksvolle Tattoo-Kollektion. Er zetert und spuckt, wirft sich ins Gemenge, lässt sich von einem kräftig gebauten Bewunderer auf Schultern tragen. Man merkt der Band indes an, dass sie etwas mehr Enthusiasmus gewöhnt ist. Freundlich-aufmunternde Zwischenrufe werden sarkastisch gekontert. Und wer sich hier „Louie Louie“, den alten Trash-Klassiker der Kingsmen, wünscht, soll sich doch lieber in eine Karaoke-Bar verpissen. Schade, hätte gut gepasst. So prügeln sich die Gallows eher humorlos durch ihr Set. Am Ende entsteht nochmal freundliches Chaos, Carter mittenmang im Geschubse. Der leidenschaftlichste und textsicherste Fan des kleinen Pogohäufchens darf die letzten Zeilen ins Mikro kreischen. Er ist ein beinahe besserer Sänger als das Original. Jörg Wunder

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